Frau Hiller denkt daran, einen Besuch beim Oberleutnant zu machen und für den Jungen um ein paar freie Stunden zu bitten. Aber davon will die Großmutter nichts wissen. Der Dienst geht vor und morgen ist auch noch ein Tag.

Sie streichelt die braune, derbgewordene Hand des Husaren und kann sich nicht satt an ihm sehen. Wie frisch und lebendig er erzählt! Wie ganz anders als früher er in die Welt schaut — wie ihm die Augen leuchten! Die Rührung will ihr immer wieder aufsteigen, die Tränen rollen ganz von selbst aus den Augen.

Nach einer kurzen halben Stunde springt der Junge auf; er muß hinüber — es ist höchste Zeit. ‚Jammerkapaun‘, der Wachtmeister, den sie so nennen, weil er eine komische Art zu jammern und dazu etwas von einem stelzenden Vogel hat, hat heute ohnehin seinen bösen Tag.

Stramm steht er vor Großmutter — die Hacken zusammengeschlagen — Hände an der Hosennaht. „Bis morgen!“

Da jauchzt ihr Herz. Mit demselben schalkhaften Zug um den Mund hat auch ihr Junge sie immer angesehen. Fleisch von seinem Fleisch! Geist von seinem Geist!

„Geh mit Gott, mein Junge!“ Und sie umarmt ihn so inbrünstig, als sollte das die letzte Umarmung, die sie ihm geben kann, sein.

Vom Fenster aus sieht sie ihm nach. Wie er elastisch dahingeht! Wie er den Kopf hält! O, daß sie das erleben durfte, ihn so zu sehen! Daß sie die Gewißheit mit nach Hause nehmen darf, daß er ein echter deutscher Mann und kein Träumer und Philosoph geworden ist!

Aber damit ist auch ihre Spannkraft erschöpft. Nun fühlt sie plötzlich wieder, daß sie zweiundsiebzig Jahre alt ist und einen anstrengenden Tag hinter sich hat. Sie legt sich in eine Sofaecke; aber das ist ihr nicht bequem genug. Sie hat das Verlangen, sich auszustrecken, und geht gern auf Marias Vorschlag, sich schon jetzt zu Bett zu legen, ein. „Alte Leute sollten wirklich nicht mehr reisen!“ seufzt sie, als sie in den Kissen liegt.

Auch das Bett tut ihr nicht wohl. Sie ist ihre weichen Federbetten gewohnt und liegt hier auf einer steifen Matratze. „Komm, setz’ dich zu mir, Kind. Sprich mit mir; meine Seele ist bang geworden!“ Die alte Hand zittert und die Stimme klingt nicht so voll wie sonst.

Oben schreit das kleine Kind der Trompetersfrau, und Frau Hiller erzählt der Großmutter die traurige Geschichte dieser Leute; erzählt, wie sie hinaufgegangen ist zu der armen Witwe und ihr das Schreckliche beigebracht hat, und erzählt weiter, daß die Frau nun schon wieder ganz ruhig ist, ja geradezu erstaunlich ruhig und gefaßt ist, und daß es sie eigentlich enttäuscht hat, daß ein so furchtbarer Schmerz so bald überwunden werden konnte.