Die Großmutter denkt anders darin. „Solche Frauen brauchen wir heute, Kind, die sich mit dem Leben abfinden können, das ist jetzt die Hauptsache. Tatsachen hinnehmen und sich sagen: Vorwärts! Nur nicht zurückschauen — nicht grübeln — nicht ändern wollen, was nicht zu ändern ist. Das solltest du auch lernen, Maria!
„Seit deinem letzten Besuch bei mir ist es mir zur Gewißheit geworden, daß etwas an dir nagt, daß du mir vieles verbirgst. Du trägst eine Liebe im Herzen, Maria, die du vor der Welt verheimlichen mußt. Ich weiß nicht, warum! Ich will es auch nicht wissen. Du bist alt und selbständig genug, um selbst über dein Leben zu verfügen; das aber glaube mir, solange ein Mensch sich nicht mit sich selbst im klaren ist, solange kann er sich auch in der Welt nicht wohl fühlen.
„Du denkst von mir: die Großmutter ist eine derbe, praktische Frau, die mich nicht versteht. Zugegeben, Maria, daß ich derber und praktischer bin als du! Aber ein heißes Herz hab’ auch ich gehabt und hab’ es heute noch; und ich weiß auch, was es heißt, eine hoffnungslose Liebe in sich tragen. Keine Krankheit des Körpers kann solche Qualen verursachen, wie ein krankes, gemartertes Herz. Ich weiß das alles. Aber ich weiß auch, daß der Mensch dagegen an kann, wenn er es mit aller Kraft will.
„Man kann sich in einen Schmerz hineinsteigern oder man kann suchen, eines Schmerzes Herr zu werden!
„Man kann erwachsene Kinder haben und noch sehr jung sein. Ich bin um ein Menschenleben älter als du und brauchte doch auch noch einen Menschen, dem ich gut sein kann.
„Eine heiße, wilde Liebe ist dazu nicht nötig. Die großen Leidenschaften gehören der ganz jungen Jugend. Was dir fehlt, Maria, das ist ein guter, lieber Gefährte, der es treu und einfach mit dir meint. Alles Einfache ist von Bestand. Alles, was sich zu weit von der Natur entfernt, ist halt- und wurzellos.
„Sieh’ zu, daß du einfach wirst; sieh’ zu, daß du frei wirst! Und wenn der Junge heut oder morgen von dir fortzieht, wenn ganz dunkle Zeiten für dich kommen, dann denke, daß du eine Zuflucht bei der Großmutter hast. Dann lasse dich von deiner derben, praktischen Großmutter gesund machen.
„So, und nun bin ich müd’, Kind! und will dir was sagen: Laß mich gleich morgen früh wieder abreisen. Den Jungen habe ich gesehen, und das Bild, das ich jetzt von ihm mitnehme, ist ein so liebes und schönes, das ich in gar nichts verändert haben möchte. Und dir hab’ ich gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, damit ist genug.
„Großvater hat mir die Züge, mit denen ich fahren kann, genau aufgeschrieben; sorge du, daß ein Wagen zur Stelle ist und sei nicht böse, daß ich so schnell wieder abreise. Mit zweiundsiebzig Jahren kann der Mensch sein Heim nicht mehr lange missen! Gute Nacht, mein Kind — mein liebes, gutes Kind!“ Und sie küßte die Frau ihres Sohnes, als sei sie das eigene Kind, küßte sie wieder und wieder.