Der kleine Hiller ist erstaunt, die Großmutter nicht mehr vorzufinden, als er am nächsten Mittag herüberkommt. Schadet aber nichts, denn er hat wieder kaum eine halbe Stunde Zeit! Am Mittag soll’s nach Magdeburg gehen; in Magdeburg aus der Kaserne rücken die Freiwilligen schon aus und brauchen Pferde. Da müssen die graugelben Husaren die ihren hergeben. Dreißig Mann sind kommandiert, um neunzig Pferde nach dort zu bringen. Sein Gesicht strahlt. Famos, daß man einmal aus der Kaserne herauskommt!

Die Großmutter hat einen Schein für ihn zurückgelassen. Den steckt er schmunzelnd in seinen Brustbeutel, ißt hastig zu Mittag und eilt zur Kaserne zurück.

Eine halbe Stunde später reiten sie los; dreißig junge Kerle — jeder auf einem Pferd, einen Stock in der Hand und zwei Pferde am Halfter führend. Die Pferde tanzen um die Reiter herum; bei der scharfen Biegung um die Ecke stiegen einige von ihnen kerzengerade in die Höhe. Gefährlich sieht das aus, und Frau Hiller, die oben am Fenster steht, fühlt ihr Herz erbeben. Wie sollen die ans Ziel kommen, wenn das hier schon so wild angeht!

Der Wachtmeister schreit sich heiser; es will keine Ordnung in den Zug kommen. „Teufel noch mal, seid ihr nicht Herr über die paar unschuldigen, eingerittenen Gäule? Und wollt bereit sein, ins Feld zu ziehen?“

Die Stöcke sausen über die Rücken der widerspenstigen Tiere; die Hand, die die Zügel führt, wird eisern. Man wird doch drei Pferde regieren können! „Los!“ Und nun geht’s auf einmal.

Der kleine Hiller nickt zum Fenster hinauf. Er hat neben dem Zügel eine Blume in der Hand. Eine feuerrote Rose!

„Von wem mag er die haben?“

Die Wachtmeistersfrau lacht vergnügt: „Von wem soll ein junger Husar wohl eine Blume zum Geschenk erhalten? Die Wachtmeister pflegen ihren Rekruten keine roten Rosen zu schenken!“

Frau Hiller fühlt, wie ihr das Blut ins Gesicht steigt. Sie denkt an die Pärchen, die abends am Fluß entlang wandern; sie denkt an jenen Abend, an dem ihr Ernst so hart über Hipp geurteilt hat. Die rote Rose will nicht aus ihren Gedanken heraus. Ernst, ihr kleiner Ernst, will wirklich ein ganzer Mann werden.