Darum ist sie auch so erschüttert, als sie am Abend einen Brief in der Hand hält, der wie mit Blut geschrieben erscheint. Darum erschauert sie vor sich selbst, möchte sich vor sich selbst verbergen! Gelten diese heißen, inbrünstigen Worte ihr, der Mutter Ernsts? Und darf sie das lesen, immer wieder lesen? Darf ihr Herz so heiß schlagen? Darf sie dieser wehen, großen Sehnsucht, die heut in ihr aufsteigt, nachgeben?

Während dieser ganzen Monate, die sie nun hier weilt, und während deren ihr Junge dies harte, stramme Leben in der Kaserne lebt, liegt sie im ewigen Kampf mit sich selbst.

Sie will nur noch Mutter sein — sie will alt — will ruhig sein. Sie hat kein Recht mehr, wie die ganz Jungen zu fühlen! Aber das Herz rebelliert — das Herz läßt sich nicht mit Vernunftgründen zur Ruhe bringen.

Wochen hat es gegeben, in denen sie glaubte, gesiegt und überwunden zu haben — und gerade heute, als der kleine Husar die rote Rose, das Pfand der ersten Liebe, in der Hand hielt, ist es wie ein Blitz durch sie gefahren: ‚Nun ist er an der Reihe — nun muß dein Herz still und alt und ruhig werden!‘

Der Brief brennt in ihrer Hand. Der Brief sagt Dinge, die sie erschauern machen. Tiefer, heißer und beredter kann kein Mensch zum andern von einer großen, übermächtigen Liebe sprechen, als er es hier tut. Der Körper ist gesund und unversehrt, schreibt er, aber das Herz ist krank und jammert nach ihr.

Sie steht am Fenster und lehnt den Kopf an die Scheiben. Draußen ist dunkle Nacht. „Ernst — Ernst!“ ruft sie.

Sie weiß es plötzlich mit tödlicher Gewißheit, daß der, der ihr diesen Brief geschrieben, ihr nie ein guter, lieber Lebensgefährte werden, daß er ewig unzufrieden mit sich und dem Leben bleiben wird. Kein Mensch kann über sich selbst hinaus!

Sie sieht wieder die rote Rose in Ernsts Hand und sieht die kalte Einsamkeit an sich herankriechen. Sie hat niemand — das Kind entgleitet ihr, und dieser Mann wird ihr nie ein stiller, treuer Gefährte sein.