Der nächste Tag ist ein Sonntag, der letzte des Oktobers. Die Sonne scheint, und es ist warm. Wehmütige Spätherbstschönheit liegt in der Natur.

Ernst hat der Mutter eine lustige Karte aus einem kleinen Dorf, auf halbem Weg nach Magdeburg, geschrieben. Da haben sie Nachtruhe gemacht, und mit dem dicken Hipp hat er Unterkunft in einem Bauernhaus gefunden. ‚Bürgerquartier — aber großartig!‘ schreibt er. In zwei Tagen werden sie wieder in der Altmärker Garnison sein, und dann wird er was zu erzählen haben.

Vor Frau Hiller liegt der schöne, sonnenhelle Sonntag wie eine Ewigkeit! Sie fürchtet sich vor der Länge des stillen Tages. Sie weiß, daß die Gedanken sie wieder rückwärts führen werden, daß, während sie näht und strickt, das Leid der Vergangenheit und all die Unruhe und Not, die das Auf- und Niederwogen der Geschehnisse dieser großen, schweren Zeit in jedem Menschen erzeugt, sie überwältigen werden.

Fräulein Else kommt zu ihr ins Zimmer. Die hat am frühen Morgen schon ein ganzes Tagewerk hinter sich, hat Stuben gereinigt und Stiefel geputzt, hat das Feuer im Herd und in den Öfen entzündet, hat das Frühstück bereitet und Flur und Treppen gekehrt. Nun wird sie hier in Frau Hillers Zimmer weiterarbeiten. Die Mutter sitzt schon seit Stunden in der Küche an der Maschine. Bis zum ersten November hat sie einen ganzen Stapel von Hemden ans Rote Kreuz abzuliefern, da muß die Tochter alles, was sonst die Mutter besorgt, mit verrichten. Aber heute soll sie einen freien Nachmittag haben. Sie sieht bleich aus, und die Wachtmeisterswitwe sorgt sich um das schmale, überschlanke Mädchen.

Fräulein Else hat keine Freundin und hat keinen Liebsten in der Stadt. Wohin soll sie gehen? Einsame Spaziergänge sind keine Freude! Am liebsten pilgert sie noch zum Russenlager hinaus und schaut auf das große Volk von Gefangenen; dabei können die Gedanken in die weite Welt fliegen und dabei kann man sich tausend Geschichten zusammenreimen.

Daß Fräulein Else kein gewöhnliches Mädchen ist, hat Frau Hiller gleich in den ersten Tagen ihres Hierseins gewußt. Beide — Mutter und Tochter — die durch die Verhältnisse, in denen sie leben, klein gehalten wurden, könnten ebensowohl Damen der Gesellschaft sein. Sie denken und urteilen tief und richtig über alles, was sie sehen und hören; und sie haben einen Takt, den manch einer, der Rang und Würden trägt, nicht besitzt.

An diesem Sonntag, der von draußen so hell und leuchtend durch die Fenster blickt, und der doch so trostlos vor der Mutter des kleinen Husaren liegt, empfindet sie fast etwas wie Zärtlichkeit für das gute, liebe Mädchen, das sie bedient, und das jeden Tag von neuem besorgt ist, ihr das Wohnen hier in den beiden Zimmern angenehm und behaglich zu machen.

Sie erinnert sich, daß Fräulein Else vor kurzem einen Wunsch geäußert hat. Sie hat ihr erzählt, daß sie seit Jahren nicht aus ihrer kleinen Heimatstadt herausgekommen ist, auch nicht in die allernächste Umgebung. Und möchte es doch so gern — möchte nur einmal einen einzigen Sonntag draußen sein! Nur einmal etwas anderes sehen als diese Straßen, in denen sie jedes einzelne Haus malen könnte, so genau kennt sie alles hier. Den ganzen Sommer über hat sie umsonst gehofft, daß ihr Wunsch sich erfüllen möge; nun steht der Winter vor der Tür, und sie wird wieder auf den nächsten Sommer hoffen müssen.

Frau Hiller steht auf und geht zu Else hin. „Die Sonne scheint so schön — vielleicht zum letztenmal in diesem Jahr! Haben Sie Lust, mit mir zu wandern, Fräulein Else?“