Sie wird rot vor verlegener Freude. „Wenn die Mutter es erlaubt,“ sagt sie leise, und sie gehen zusammen zur Wachtmeistersfrau in die Küche, die gern die Erlaubnis gibt.

„Wenn Sie schon aus der Stadt heraus wollen, dann sollten Sie sich Tangermünde ansehen, gnädige Frau. Das muß man gesehen haben, wenn man so lange in der Altmark gewesen ist.“

Als Fräulein Else neben Frau Hiller zum Bahnhof geht, unterscheidet sie sich in nichts von einem jungen Mädchen aus besten Kreisen. Ihr Gesicht ist leicht gerötet und sieht sehr lieblich aus — vielleicht ein wenig zu schmal. Ihre Stimme ist klangvoll, und ihre Bewegungen sind ruhig und fein. Sie gehen den Weg am Fluß entlang, an dem die Liebespärchen bei Dunkelheit zu wandern pflegen.

In der Stadt selbst ist es sehr lebendig. Auf den freien Plätzen werden die Infanteristen einexerziert; ein Zug Husaren, der zum Pferdekommando nach der Mark gekommen ist, marschiert singend an ihnen vorüber. Am Bahnhof werden durchziehende Truppen gespeist, und ein Samariterzug ist gerade eingelaufen.

Es ist sehr kriegerisch geworden in der kleinen Altmärker Stadt; auf freien Feldern werden Infanteriesignale geübt, und überall steht der Landsturm als Wache. Seit die Russen hier angekommen sind, ist der ganze Ort zu einem großen Kriegslager geworden.

Nach Tangermünde führt eine Kleinbahn, die klingelnd durch die stille Altmärker Landschaft fährt. Noch sind die Weiden grün, und das schöne, kräftige Vieh grast in großen Scharen darauf. Der strickende Hirt mit der Schafherde zieht seine Straße hin, und sonntäglich gekleidete Frauen und Kinder sieht man vor den Häuschen der Dörfer, durch die man fährt.

Je weiter man sich von der Garnisonstadt entfernt, um so schöner und stiller wird es: Keine Uniformen mehr — keine laute Musik — keine militärischen Kommandos — Eine leise, süße Friedensahnung zieht durch die Seele.

Frau Hiller hat viel von Tangermünde reden hören; sie weiß, daß die Leute aus den umliegenden Städten am Sonntag hier gern herauspilgern, und daß es schöne, altertümliche Bauten in Tangermünde gibt. Da sie schon so viel von der Welt gesehen hat, ist nie der Wunsch in ihr aufgekommen, gerade dieses Städtchen kennen zu lernen. Von dem Augenblick an aber, da sie aus dem Bahnhof herausgetreten sind, fühlt sie ihre Seele ganz eigentümlich berührt. Ihr ist, während sie neben dem lieben Mädchen dahingeht, als sei sie in eine andere Welt eingetreten. Etwas Fremdes, Neues und doch schon Vertrautes empfängt sie.

Sie geht durch die Straßen mit ihren kleinen, niederen Häusern und hat das Gefühl, ein Stück Mittelalter zu erleben. Die vorragenden Giebel, die Inschriften in den Türen, die niederen, von rotem, herbstlichem Wein umrankten Fenster, all das wirkt so seltsam auf sie. Und Sonntagsstimmung, wie man sie in anderen Städten nie verspürt; Ruhe und Frieden überall!

Die Menschen hier haben Gesichter, als wäre noch kein Wort vom Krieg bis zu ihnen hingekommen, alles geht behaglich, bürgerlich, wundervoll zufrieden daher.