Die engen Straßen steigen an und fallen ab, und herbstliche Gärten liegen vor und hinter den Häusern. An den Kaufläden sind die Fenster verhangen, und auf der Einfassung eines Brunnens sitzen halbflügge Mädchen still und feierlich in schwarzen Kleidern. Sie sind am Morgen eingesegnet worden — die ganze Stadt sieht aus, als wäre sie am Morgen eingesegnet worden.
Die beiden Frauen sprechen kaum miteinander, weil sie beide von etwas Gutem, Großem, Geheimnisvollem ergriffen sind. Sie gehen planlos durch die Straßen, so wie man zuerst durch einen fremden Ort zu gehen pflegt.
Am Markt liegt das Rathaus, ein uralter Bau, hoch und imposant gegen all die kleinen, niederen Häuser rund umher, und dahinter das große, schwere Tor, das die Stadt abschließt. Die Sonne leuchtet, und kein Lüftchen weht. Die Natur will sterben und will vor ihrem Heimgang noch einmal auferstehen, will noch einmal alle Schönheit, die ihr zur Verfügung steht, zusammenraffen. Es ist eine traurige, stille, wonnige Herbstschönheit!
In einer engen Straße liegt ein Gasthof, der den Namen ‚Zur Königin Luise‘ trägt. Ausgetretene Steinstufen führen zum Flur hinauf, und die Sonne läßt die Inschrift an der Tür aufblitzen. Hier hat einst die Königin Luise eine Nacht verbracht — eine traurige Nacht — sagt man.
Es klingt so wundervoll mit dem Charakter dieses kleinen Städtchens zusammen, daß gerade diese Frau hier geweilt, hier gelitten hat. Man kann es sich so gut vorstellen, wie sie hier durch die stillen Straßen geschwebt ist. Wie sie im altväterischen kleinen Gasthof in irgendeinem der niederen Stübchen gedacht und gelitten haben mag. Kein Name in der Welt hätte sich harmonischer in das Bild, das diese kleine, weltvergessene Stadt heute bietet, eingefügt, als der dieser zarten, guten und doch starken Fürstin.
Frau Hiller und Fräulein Else sind von einem unbekannten Hochgefühl getragen; sie sitzen im kleinen Speisesaal und nehmen ein einfaches Essen. Von draußen lacht die Sonne herein, läßt die Bilder an den Wänden plastisch hervortreten und spiegelt sich am Fußboden. Frau Hiller hat das Gefühl: ‚Wenn du einmal ganz zerrissen, ganz krank und elend bist, dann möchtest du in diesem lieben Haus, in dieser kleinen Stadt Zuflucht suchen!‘
Die beiden fühlen sich so wohl und behaglich in dem kleinen, uralten Gasthof, daß sie sich gar nicht davon trennen möchten. Aber sie haben ja das Eigentliche, weswegen sie hergekommen sind, noch nicht gesehen, und Fräulein Else drängt zum Aufbruch. Die Tage sind kurz, und die Sonne hat in dieser vorgerückten Herbstzeit früh ihre Bahn vollendet.
Langsam wandern sie aus der Stadt hinaus, und eine mit Kastanienbäumen bepflanzte Allee führt sie zum Schloß hinauf. Das Laub ist gelb und dunkelrot, aber es bildet ein fast noch lückenloses Dach, wiewohl der Fuß durch raschelnde Blätter schreitet. Die Luft ist rein und abgeklärt und regt zum Sinnen an.
Ach, die Natur ist wie der Mensch — der Frühling ist die schwere, sehnsuchtsvolle, ungebärdige Jugend; der heiße Sommer ist der reif gewordene Mensch, der ebensowohl jauchzen wie tief leiden kann, und der Herbst ist das herannahende Alter, das die Stürme überwunden hat, das rein und still und klar geworden ist. Aber die meisten Menschen wollen, solange sie jung sind, nichts vom Alter wissen, die meisten Menschen wollen länger, als die Natur es vorgeschrieben hat, in der Jugend verharren.
Warum nur?