Nein, die Jugend ist nicht das Schönste und Begehrenswerteste. — Jugend bedeutet für den tiefen und ernsten Menschen oft nur Leiden. Jugend bedeutet oft nur Sturm. Erst wenn man aus der Ferne auf sie zurückschaut, wird auch die Jugend schön und gut und harmonisch.
In jedem Jahr geht es Frau Hiller so. Erlebt sie den Frühling mit seinem Stürmen und Brausen, so wirft er sie nieder — schaut sie aber, wie heute, aus einem stillen, abgeklärten Herbsttag auf die wilde Auferstehungszeit in der Natur zurück, so hat sie die Angst und Not jener Tage vergessen, und nur das Jauchzende, Herzerfreuende ist in ihrer Erinnerung geblieben.
Der Weg führt sie bergan; und aus der Allee ist allmählich ein Park geworden. Ein Farbenrausch vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braunrot umgibt sie, und die Sonne leuchtet darüber. — Die Sonne ist wie ein mildes, segnendes Antlitz, aus dem tiefer, stiller Friede ausstrahlt. ‚Ist es wahr,‘ muß Frau Hiller denken, ‚ist es wahr, daß Krieg in der Welt ist?‘ Unbegreiflich will ihr das hier erscheinen — unausdenkbar!
Je weiter sie gehen, um so herrlicher wird es; man wandelt wie durch einen wundervollen Saal: das raschelnde Laub ist der Teppich — die Kronen der Bäume sind die Decke, und die Sonne ist der große, gewaltige Kronleuchter, der ein fast magisches Licht verbreitet. Sie gehen langsam; sie gehen, wie wenn sie durch eine Kirche schreiten. O stille, schöne, geweihte Welt!
Dann sind sie plötzlich an einer großen, weißen Terrasse angekommen; zwei Denkmäler aus der Zeit der Kurfürsten erheben sich da. Und der Kopf geht so willig auch in diese Vergangenheit mit. Man ist ja ohnehin schon längst aus der Gegenwart heraus; man hat vorhin mit der Königin Luise gelebt, nun geht man ein Stückchen weiter zurück und lebt mit den Kurfürsten. Hat man wirklich nur durch Bücher und Schulstunden etwas von der Kurfürstenzeit gehört? — Oder hat man da schon gelebt? Man kennt doch diese Gestalten, die da oben in Stein gehauen stehen, so genau, man hat sie doch von Angesicht zu Angesicht gesehen, hat sie sprechen hören!
Gibt es nicht Stunden, in denen der Mensch es nicht begreifen will, daß er nicht von Anbeginn der Welt an gelebt hat? Daß er nicht alles, was je in der Welt vor sich gegangen ist, mit eigenen Augen geschaut, mit leiblichen Ohren gehört haben soll? Stunden, in denen man es gar nicht fassen will, daß jedem Menschen nur eine kurz bemessene Frist zum Leben gegeben ist, und daß alles, was er von der Vergangenheit weiß, nur gelernt, nur durch Bücher oder Erzählungen übermittelt worden ist!
Frau Hiller schaut wie gebannt zu den Denkmälern hinauf, bis plötzlich andere Menschen aus dem Weg, aus dem sie gekommen sind, auftauchen, miteinander sprechen und sie aus ihren tiefen Sinnen aufrütteln.
Sie wendet sich Fräulein Else zu, geht ein Stück weiter durchs raschelnde Laub und sieht dann etwas, was sie mit Staunen und Jubel erfüllt. Die Elbe sieht sie, die wie ein silbernes Band durch die stille Landschaft fließt. Kähne und Flöße ziehen ihren Weg dahin; eine Fähre führt zum gegenüberliegenden Ufer, und der Blick schweift weit — schweift in Unendlichkeiten, wie überall in diesem flachen, altmärkischen Land, das so viel feine Reize besitzt.
Im Gasthof ‚Zur Königin Luise‘ hat man ihnen geraten, über die Elbe zu fahren und zum Dorf Fischbeck zu gehen. Das ist der Lieblingsort der Tangermünder, zu dem sie an schönen Sonntagen in großen Scharen wallfahrten. Auch heute drängen sie sich unten an die Fähre, und die paar Bänke, die an beiden Seiten des Fahrzeuges angebracht sind, sind schnell gefüllt. Frau Hiller und Fräulein Else müssen froh sein, noch ein bescheidenes Plätzchen unter all den Menschen zu finden. Sie gleiten über das stille Wasser und schauen weit dem Flüßchen nach, das hier so klein und bescheiden noch ist und weiter unten zu so gewaltigem Strome anschwillt. Immer noch leuchtet die Sonne, immer noch streicht die Luft mild und leis ums Gesicht.
Am anderen Ufer verteilen sich die Menschen und beeilen sich, um zu ihrem Kaffee zu kommen. Fräulein Else aber bleibt stehen und stößt einen Schrei des Entzückens aus, denn sie sieht das herrliche Bild, das vor ihr liegt, und ist wie benommen. Tangermünde, vom gegenüberliegenden Ufer aus gesehen, mit seinem Schloß, seinen Denkmälern und Kirchtürmen! Tangermünde in letzter Herbstschönheit, von leuchtender Sonne übergossen! Der Anblick hat etwas Ergreifendes, etwas Hohes; er trägt über das armselige Leben mit seinen Leiden und Nöten hinweg. — Trotzig wie eine Feste liegt dieses wundersame Bild da, und doch so mild, so voll überwältigender Schönheit.