Frau Hiller, die viel Großes und Wunderbares in der weiten Welt gesehen hat, kann den Jubel des armen Mädchens, das nie aus seinem Heimatsort herauskam, wohl begreifen. Auch ihr ist es, als habe sie nie in tiefere, ergreifendere Schönheit geblickt als an diesem Tage.

Sie können sich gar nicht entschließen, ins Dorf hineinzugehen; sie wollen keine Menschen sehen, wollen allein hier am Ufer weilen und das glitzernde Wasser und die alte, schöne Stadt mit Schloß und Türmen vor sich haben.

Fräulein Else sagt mit leiser, zitternder Stimme: „Nun werde ich für Wochen zufrieden und glücklich sein! Nun habe ich etwas, woran ich denken kann, wenn ich traurig bin!“

Dieses Mädchen ist sechsundzwanzig Jahre alt und ist nie aus dem Heimatort, nie von der Mutter fortgekommen. Eine zarte, empfindsame Seele hat sie und ist einsam, immer einsam gewesen, wird vielleicht immer einsam bleiben müssen, und fügt sich so still darein, ist nie verbittert, nie unwillig! Frau Hiller hat oft das Gefühl, als müßte sie sich vor der Größe dieses Mädchens neigen.

Sie gehen dann doch ins Dorf. Fräulein Else sieht so blaß aus und hat sich vielleicht auf den Kaffee gefreut. Im warmen Gastzimmer sitzen sie unter vielen lebhaften Menschen, und da fällt auch manches Wort vom Krieg; aber man vergißt es sogleich, wenn man wieder draußen ist.

Die beiden wandern auf einsamen Feldwegen zur Stadt zurück; die Dämmerung zieht nieder, und man spürt nun doch, daß es Herbst ist. Die Luft ist kühl geworden — der Himmel wölbt sich blau und klar, Sterne leuchten auf, und eine blasse Mondsichel zieht ihre Bahn dahin.

Als sie wieder am Ufer der Elbe stehen, ist es dunkel geworden. Tangermünde hebt sich in schwarzen Umrissen vom Himmel ab — viel ernster und schwerer als zuvor in der Sonne. Ein Schiffer bietet seinen Kahn an und bringt sie hinüber. Und sie wandern wieder durch die engen Gassen und sind wieder in Schweigen versunken.

Wozu reden, wenn jeder über so vieles, was in ihm vorgeht, hinwegzukommen hat? Wozu reden, wenn so Schönes und Großes in die Seele gedrungen ist?

Sie haben ein Stück tiefen Friedens mitten im Krieg genossen — letzte, wonnige Herbstschönheit hat sich ihnen offenbart. Wenn der Winter sehr dunkel und trostlos sein wird, haben sie eine Zuflucht, indem sie an diesen Tag voll friedlicher Schönheit zurückdenken.

Die Seele ist stärker und ruhiger geworden, und man hat wenigstens nicht für Stunden das quälende Gefühl gehabt, daß alles, was in der Welt fest sein sollte, ins Schwanken geraten ist.