Die Natur hat ihre reine, starke Sprache geredet; man sagt sich: ‚Sollte der Krieg wirklich alles Äußere nehmen, sollten wir in Armut und Elend geworfen werden, aber Gott läßt uns die Fähigkeit, die Schönheit seiner Natur in uns aufzunehmen, so können wir nie ganz in Finsternis geraten, nie ganz in Verzweiflung versinken!‘

Es ist Nacht geworden, als sie am Bahnhof ihrer Garnisonstadt angelangt sind. Ein Verwundetentransport ist angekommen, und die Beamten vom Roten Kreuz sind in eifriger Tätigkeit. Ein paar Bahren werden herangetragen, denn der Zug soll weitergehen, und nur die hoffnungslos Daliegenden werden hier im Bahnhofslazarett untergebracht. Die freigewordenen Seelen der beiden fühlen, wie etwas vom alten Druck wieder in sie hineinwill.

Drin in der Stadt ist reges Leben. Urlaubstag! Die Straßen sind voll von Uniformen aller Art. Die Pferdebahn rasselt mit Glockengeläut und Peitschenknall ihren Weg; es wird gesungen und gelacht.

Fräulein Else hatte geraten, die weite Strecke bis zur Kaserne nicht zwischen den stillen Feldern zurückzulegen, sondern durch die belebte Stadt zu gehen; auf den Feldern kann man Betrunkenen begegnen oder sonst etwas Unangenehmes erleben. So folgen sie dem großen, lauten Treiben bis zum dunklen Tor hin, aber da biegen sie, ohne sich weiter darüber zu verständigen, doch in die einsame Kastanienallee ein, von der aus man zum stillen, poetischen Flußweg kommt.

Sie wollen in ihrer guten Stimmung bleiben. Mag morgen kommen, was will — heute wollen sie in dem Wahn bleiben, daß die Welt voll Schönheit und Frieden ist. Die Pärchen, die in großer Zahl herumwandeln, stören sie nicht; im Gegenteil, so ein Stück lieber Romantik paßt zu dem, was der schöne, ernste Tag ihnen gebracht hat.

Mag die Welt voll Zorn und Wut und Haß sein — solange es noch Herzen gibt, die in Zärtlichkeit und Liebe zueinander hindrängen, solange ist das Gute im Menschen noch nicht ausgetilgt, solange ist die Hoffnung, daß eine große Versöhnung, ein wahrer, echter Friede dem wilden Hader folgen wird, noch nicht verloren.


Der kleine Hiller hat Hauptwache. Das Gewehr über der Schulter, die hohe Pelzmütze auf dem Kopf, mit einem aus der Kleiderkammer gelieferten Militärmantel, der bis zur Erde reicht, angetan, wandert er vor dem Schilderhaus auf und nieder.

Es ist noch kein Jahr her, daß Frau Hiller die letzten Bleisoldaten, das letzte Schilderhaus ihres Jungen an die Kinder des Portiers geschenkt hat. Natürlich hat er seit seinem vierzehnten Jahr die Soldaten nicht mehr angerührt, aber er hatte sich doch auch nicht entschließen können, sie herzugeben. Nun, da sie ihn selbst als Soldat vor der Kaserne auf und nieder wandern sieht, muß sie sich an die Stirn fassen. Ist alles, was sie jetzt erlebt, Wahrheit, oder ist es nur ein Spiel? Ist das ihr Junge aus Fleisch und Blut, der da hin und her wandert, oder ist es ein Bleisoldat?