Sie sitzt am Fenster, von der Gardine verborgen, und schaut auf ihn hin. Er darf nicht wissen, daß sie am Fenster sitzt, denn er will nicht, daß seine Kameraden viel von der Mutter sehen oder hören. Sein Gesicht ist ernst, und in dem langen, weiten Mantel sieht er sehr männlich aus. Kommt ein Vorgesetzter vorbei, dann salutiert er, und will eine Zivilperson in die Kaserne, so hält er sie an. Der kleine, weiche Ernst hat das Recht, Menschen anzuhalten und abzuweisen. Das ist für die Mutter ein so seltsames Gefühl — das kann sie noch gar nicht fassen. Und dies hier ist doch nur ein ganz kleines, ganz unbedeutendes Vorspiel für das, was kommen soll — was in allernächster Zeit schon kommen kann.

Solch ein Kind geht mit gegen Deutschlands Feinde. So ein weicher Junge wird vielleicht Menschen erschießen, wird die Lanze in Feindes Brust bohren, wird hungern und frieren und wird vielleicht eines Tages irgendwo in einem Winkel liegen: verwundet, elend, vom bittersten Heimweh geplagt — — —

Sie darf sich das nicht ausdenken — es ist ihr, als müsse sie den Verstand darüber verlieren. Tausend Messer wühlen in ihrem Herzen, und das Blut weicht vom Gehirn zurück. —

Ach, groß sein können! Stark sein können! Sich sagen: ‚Mag kommen, was will! Stirbt er, so stirbt er fürs Vaterland! Leidet er Hunger und Durst und andere Schmerzen, so leidet er sie fürs Vaterland!‘

Aber sie ist klein — sie ist schwach! Ihr Herz blutet aus unzähligen Wunden. Sie hat es früher nicht gewußt, daß sie den Jungen so verzehrend, so tierisch liebt, daß es Tage gibt, an denen die ganze, heilige Mission, die er zu verrichten hat, ihr klein erscheint gegen das ungeheure Opfer, das sie zu bringen gezwungen ist!

Alle zwei Stunden erhält der Posten seine Ablösung. Dann kann er in die warme Wachtstube gehen und sich vom Kalfaktor etwas zu essen und trinken besorgen lassen. In der Wachtstube ist es sehr gemütlich, hat er ihr erzählt. Wenn sie einen netten Unteroffizier haben, klopfen sie Karten oder spielen Würfel; sie lesen und schlafen und essen und trinken.

Es ist wirklich tadellos; gar kein Grund zum Bedauern oder Mitleid ist da. Die Mutter versucht ihren Gedanken eine heiterere Richtung zu geben, aber es gelingt ihr nicht recht. — —

Um die Kaffeezeit kommt die Wachtmeisterswitwe in Hut und Mantel und sagt: „Ich gehe zur Russenbeerdigung, gnädige Frau. Heute sollen doch die vier Russen, die hier gestorben sind, beigesetzt werden. Kommen Sie mit? So etwas sieht man vielleicht nur einmal im Leben.“

Frau Hiller ist ihrer guten Wirtin für diese Ablenkung dankbar. Sie legt ihr Strickzeug hin und kleidet sich zum Ausgehen an. Draußen weht ein scharfer, kalter Wind, der Himmel ist grau verhangen. Richtige Novemberstimmung!

Die vier Russen, die hier ihren Wunden erlegen sind, sollen ein gemeinsames Grab bekommen und mit allen militärischen Ehren zur letzten Ruhe getragen werden. Unzählige aus der kleinen Garnison wandern hinaus, um sich dies Schauspiel anzusehen.