Die Wachtmeisterswitwe hat die Hemden fürs Rote Kreuz abgeliefert und kann sich einmal ein paar freie Stunden gönnen. Sie hat noch gar nichts von den Russen gesehen, und da alle Welt vom Gefangenenlager spricht, schämt sie sich fast, daß sie noch keine Ahnung hat, wie es da draußen aussieht.

Aber für weichherzige Menschen ist es an solchem grauen Tag keine Freude, da hinauszupilgern. Der Anblick des doppelten Stacheldrahtverhaues hat etwas Erschütterndes — die grauen Massen, die auf und nieder wogen, der schwere Himmel, der kalte, rauhe Novemberwind, all das wirkt so unsäglich beklemmend und niederdrückend.

Die Wachtmeistersfrau ist nebenbei auch noch enttäuscht, denn man bekommt gar keinen richtigen Eindruck von dem Ganzen. Man darf jetzt nur noch von einer ziemlich beträchtlichen Entfernung aus das Lager überblicken und sieht nichts anderes als eine gewaltige, wogende, graue Masse. Der einzelne Mensch ist gar nicht zu unterscheiden. Stumm und feierlich zieht in einer Entfernung von je zwanzig Metern die große Zahl der Wachthabenden rings ums Lager her.

Nein, sie wollen hier nicht lange verweilen — sie wollen sich den grauen, schwermütigen Tag nicht noch düsterer machen. Aber die Russenbeerdigung will sich die Wachtmeistersfrau nicht entgehen lassen. Man hat nun einmal zu diesem Zweck den weiten Weg hierher gemacht und kann doch nicht unverrichteter Sache wieder nach Hause gehen.

An der Stelle, an der die vier Toten beigesetzt werden sollen, hat sich schon eine Menschenmenge gesammelt, und man kann nur noch mit Mühe ein Plätzchen erobern, von dem aus man einen freien Ausblick hat. Eine große Gruft ist aufgeschaufelt, denn die vier Särge sollen nebeneinander Platz finden. Viele von den Menschen stehen da, als warteten sie auf etwas Freudiges, Sensationelles. Die wenigen Offiziere, die noch in der Garnison sind, kommen angefahren. Eine Anzahl Husaren und Infanteristen rücken heran, und von der Richtung des Lagers wird ein Zug sichtbar. Russen in ihren lehmgrauen Mänteln tragen ihre toten Brüder.

Nun sieht man doch einmal, wie der entsetzliche Feind, der Deutschland vernichten will, der schon ein Stück von Deutschland mit Mord und Brand heimgesucht hat, aussieht! — Aber der Feind, der da mit den Särgen anrückt, sieht nicht wild und furchtbar aus. Trauer malt sich auf den Gesichtern, die Köpfe sind geneigt und ernst und würdevoll verrichten sie ihr düsteres Geschäft.

Der Militärgeistliche, der so wundervoll zu reden versteht, der den jungen Freiwilligen im Dom den Fahneneid abgenommen hat, tritt an die Särge heran und breitet die Hand zum Segen, spricht ein Gebet — und drückt den Trägern die Hand. Die Särge werden in die Gruft versenkt, und der junge Russe, dessen Bruder sich unter den Toten befindet, schluchzt auf; die anderen stehen mit finsteren, undurchdringlichen Gesichtern.

Der Pfarrer hält eine kurze, herzliche Rede. Er spricht das aus, was wohl jeder, der hier am großen Grabe steht, in diesen Augenblicken empfinden mag. „Ob Freund, ob Feind,“ sagt er, „der Tod macht uns alle gleich. Über den Tod hinaus gibt es keine Feindschaft. Die hier liegen, haben ihrem Vaterlande ebenso treu und redlich gedient, wie jeder von den Unseren das tut. Sie haben ihre Heimat nicht wiedergesehen, sie haben Schweres gelitten und den Tod im Felde gefunden. Darum Ehre ihrem Andenken! Gott mag ihnen lohnen, was sie für ihr Vaterland getan haben!“

Tiefe Stille. — Die Russen sind ergriffen. Vielleicht sind sie alle der deutschen Sprache mächtig und haben verstanden, was der Geistliche ihren toten Brüdern sagte. Vielleicht auch haben sie nur aus Stimme und Gebärde entnommen, daß hier gute, freundliche Worte gesprochen wurden. Sie werfen ihren gefallenen Kameraden ein paar Schaufeln Erde nach und falten die Hände zum Gebet. Dann aber sind sie wieder Deutschlands Gefangene und werden von zwei Posten mit geladenem Karabiner zum Lager zurückgeleitet. Die Menge zerstreut sich. Man hat etwas gesehen, was man nicht oft im Leben sieht — man hat gesehen, daß auch der Feind ein fühlender Mensch ist, und diejenigen, die einen Mann, einen Sohn oder Bruder fern im Osten stehen haben, werden vielleicht einen kleinen Trost mit nach Hause nehmen. Wenn der Feind hört, wie wir seine Gefangenen halten, seine Toten ehren, wird auch er gegen die Unsrigen nicht ganz barbarisch sein!

Der Regen rauscht stärker, und bis zur Kaserne ist ein gutes Stück Weg; da tut man besser, man geht durchs Tor in die Stadt hinein und wartet irgendwo bei einer Tasse Kaffee, ob das Wetter nicht freundlicher werden will, denn man ist schon jetzt durchnäßt und durchfroren.