Die Wachtmeisterswitwe ist von der Wirtin vom Schützenhaus angesprochen worden, und die bittet sie, sich doch das Lazarett, das in ihren Gasträumen eingerichtet worden ist, anzuschauen. Heut und morgen kann man es noch sehen, in drei Tagen aber sollen schon die ersten Verwundeten eintreffen. Sie bittet auch Frau Hiller mitzukommen, und die willigt gern ein. Die beiden Frauen nehmen sie in ihre Mitte, und wie sie so zwischen den zwei guten, freundlichen Bürgerinnen dieser Altmärker Garnison dahinwandert, ist ihr ganz traut und heimatlich zumute. In Berlin bleibt man immer fremd, und wenn man zwanzig Jahre da wohnt; hier im kleinen Ort aber schlägt man schnell Wurzel und fühlt sich wohl.
Der große Tanzsaal des Schützenhauses ist zum Lazarett eingerichtet worden. Weißgestrichene Betten mit weißen Decken und Kissen stehen in langen Reihen da; weiche, helle Teppiche bedecken den Fußboden, auf kleinen Tischen stehen Vasen mit gelben Herbstblumen, und die drei Frauen schreiten auf Zehenspitzen zwischen den weißen Betten einher. Es ist schön und fromm und feierlich in diesen stillen, hohen Räumen; man möchte weinen — man möchte beten. Hier werden sie nun ruhen und genesen nach all dem Schrecklichen, was sie sehen mußten! Hier werden die armen Körper heilen und die wunden Seelen wieder Ruhe und Frieden finden!
Von draußen schlägt der Regen an die Fenster — draußen toben die ersten, ganz wilden Novemberstürme; aber die, die in zwei oder drei Tagen in diesen weißen Betten liegen sollen, werden von Liebe, Güte und Herzenswärme umgeben sein, und die Stürme, die da draußen tosen, können ihnen nichts mehr anhaben.
Die Wachtmeisterswitwe hat Tränen in den Augen; sie fühlt sich bedrückt und verängstigt, wiewohl sie keinen hat, der ihr nahesteht, und der ins Feld hinausmußte. Sie denkt an alle, und sie leidet für alle, und das, was sie am heutigen Tage von Kummer und Herzeleid gesehen hat, ist fast zu viel für sie. Da ist es wirklich besser, man sitzt still zu Hause an der Maschine und näht die Hemden fürs Rote Kreuz.
Sie bleiben dann noch eine Weile in dem vorderen Gastzimmer und trinken Kaffee, den die Schützenwirtin ihnen bringt. Sie wollen warten, ob sich das Wetter nicht ändern will; aber je länger sie sitzen, um so wilder toben die Stürme, und um so prasselnder fällt der Regen nieder.
Es nützt also nichts; ewig kann man nicht bleiben, und man stirbt ja auch nicht gleich, wenn man eine halbe Stunde durch Wind und Regen läuft. Man braucht nur an die Armen, die Tage und Nächte draußen in den Schützengräben, in Sturm und Unwetter ausharren müssen, zu denken, dann wird alles, was sonst als schwer und unerträglich empfunden wird, auf einmal ganz leicht.
Als sie an der Kaserne angelangt sind, machen sie einen Augenblick Halt und schauen in die erhellte Wachtstube hinein. Der kleine Hiller sitzt mit seinen Kameraden am Tisch und verzehrt sein Abendbrot. Er hat jetzt ein paar Stunden der Ruhe, aber in der Nacht muß er wieder zur Stelle sein.
Frau Hiller ist an diesem Abend gezwungen, bei den Wachtmeistersleuten in der Küche zu bleiben, denn Fräulein Else hat nirgendwo auch nur ein halbes Liter Petroleum aufbringen können. So hat man in der ganzen Wohnung nur eine einzige gefüllte Lampe, und die steht auf dem runden Tisch in der Küche vor dem braunroten Sofa.
Fräulein Else hat Tee gekocht und Butterbrötchen bereitet; in der Grude schmoren Äpfel, und die Herdtür steht offen und läßt die Glut der Kohlen herausleuchten. Auch der junge Arzt ist gekommen und lehnt schon behaglich in einer Sofaecke. Nach dem Essen sitzen die drei Frauen strickend da, und um neun Uhr kommt noch ein Fahnenjunker, der vor dem Krieg ein paar Monate bei den Wachtmeistersleuten gewohnt hat. Er ist schon im Feld gewesen und als Leichtverwundeter hier in einem Lazarett untergebracht worden. Die Kugel, die ihm in der Hüfte gesessen hat, trägt er jetzt in der Tasche und holt sie voll Stolz hervor. Dann erzählt er von den blutigen Kämpfen bei Dixmuiden. Aber wie er so warm und lebendig hier in der traulichen Küche sitzt und sich die geschmorten Äpfel schmecken läßt, hat man das Gefühl, daß er Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzähle und nicht Episoden aus diesem unseligen Krieg, der immer noch weitertobt und dessen Ende nicht abzusehen ist.