Nachdem er gegangen, liest der Doktor noch ein paar Artikel aus dem ‚Altmärker Intelligenzblatt‘ vor; die Wachtmeisterswitwe richtet Frau Hiller die Ferse einer Socke ein, der Regen prasselt gegen die Scheiben, und das Petroleum in der Lampe sinkt tiefer und tiefer. Und da man nicht weiß, ob man am nächsten Tag noch Glück haben und ein wenig von diesem kostbar gewordenen Stoff erhalten wird, muß die behagliche Sitzung abgebrochen werden.
Die elfte Stunde ist übrigens da, aber man verplaudert sich so leicht, wenn man warm und gemütlich sitzt. Oft wird es Mitternacht, bis man endlich zu Bett findet.
Drüben vor der Kaserne brennen zwei Laternen, und der kleine Hiller im langen Mantel ist wieder auf Posten und trottet, die Hände in den weiten Manteltaschen, vor seinem Schilderhaus auf und ab.
Die Mutter setzt sich ans Fenster und blickt zu ihm hinüber. Ob er wohl friert? Ob er sehr müde ist? Sich unbehaglich fühlt? Sie kann sein Gesicht nicht erkennen, sie sieht nur die schlanke Gestalt.
Sie hat große Lust, zu ihm hinüberzugehen und ihm ein liebes, warmes Wort zu sagen — aber das darf sie nicht. Ihr Sohn ist ja nicht mehr ihr Kind wie früher! Ihr Sohn ist ein Stück von Deutschland geworden, und die Liebe und das Mitleid einer Mutter dürfen ihn nicht stören, wenn er seines Amtes waltet.
Aber sie vermag es nicht, sich zu Bett zu legen, während der Junge da draußen im Unwetter hin und her marschiert. Sie bleibt am Fenster sitzen und denkt an ihn. Vielleicht geht ein Strom von ihrem warmen Fühlen in sein Herz hinüber — vielleicht tut es ihm unbewußt wohl, daß die Mutter hier am Fenster sitzt und an ihn denkt! Es soll ja eine solche Macht des Gefühls geben, die die Menschen unsichtbar miteinander verbindet.
Am nächsten Mittag kommt der kleine Husar mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen ins Wohnzimmer zur Mutter. Er, der die stramme Nacht in Sturm und Regen hinter sich hat, ist froh und wohlgemut. Sie aber ist ein wenig blaß und müd’ vom vielen Denken und Grübeln.
Hiller trägt seine Dienstuniform über dem Arm. „Morgen ist Kleiderbesichtigung,“ erzählt er, „da muß alles tadellos imstande sein. Du machst mir doch die Flecken raus, nicht wahr, und wäschst die Tasche!“
Dann wirft er sich in den Schaukelstuhl und sieht fast übermütig aus. „Jetzt endlich hört man doch einmal einen Ton vom Ausrücken!“ sagt er. „Es sind hundert feldgraue Uniformen bestellt, und die Regimentsschuster arbeiten fieberhaft an den gelben Reiterstiefeln für draußen. Man kann jetzt jede Woche auf das Kommando gefaßt sein.“
Der Mutter zuckt das Herz, wie er so strahlenden Auges berichtet. Denkt er gar nicht an sie? Fühlt er nicht den leisesten Schmerz, wenn er an den Abschied von ihr denkt? Ist der Gedanke, draußen mittun zu dürfen, so groß, so lockend, daß gar kein anderes Gefühl dagegen aufkommt?