Am ersten und am zweiten Tag ist das Heulager im Wagen ganz weich und mollig, aber je mehr die Gäule verfüttert bekommen, um so spärlicher und unbehaglicher wird es; und mit der Ernährung ist’s auch eine eigene Sache. Das letzte Gulasch, das man an der ungarischen Grenze bekam, war so verpfeffert, daß man den ganzen Tag das Durstgefühl nicht loswurde. Da hat man am Abend auf eine zweite Portion lieber verzichtet. Der kleine Hiller ist ein wenig abgemattet, mag es sich aber nicht eingestehen. Er liegt die beiden letzten Tage der Fahrt Stunde um Stunde auf der immer dünner werdenden Heuschicht zwischen seinen Pferden, denkt über tausend Dinge nach, grübelt und philosophiert — denkt an das blonde Mädchen in der Garnison, das nichts weiter als Lustigkeit und kleine Aufmerksamkeiten von ihm verlangt — denkt auch an die Mutter, die gewiß ungeduldig auf ihn wartet — und denkt an das, was nun sehr nahe bevorsteht: ans endliche Ausrücken nach Frankreich oder Rußland!
Oft hat die Großmutter in einer guten, trauten Stunde zu ihrer Maria gesagt: „Das Leben für uns Frauen ist nur dann schön und lebenswert, wenn wir einen lieben Menschen haben, den wir mit unserer Liebe umgeben und für den wir sorgen können; wenn wir einen Menschen haben, der ganz und gar zu uns gehört. Wir Frauen sind nun einmal nicht für die Einsamkeit geschaffen!“
Und wenn Maria, die immer Heiratspläne von seiten der alten Frau witterte, etwas ablehnend erwiderte: „Ich bin ja nicht allein — ich habe ja mein Kind!“ dann hat die Großmutter immer und immer wiederholt:
„Nein, das Kind hast du nicht, das Kind gehört nicht dir — das gehört sich selbst! Du mußt einen Menschen haben, der so lange dein ist, bis Gott einmal anders darüber entscheidet!“ Und daß die Frau ihres Sohnes sich ihr in diesem Punkt so ganz und gar verschloß, daß sie kalt und hart wurde, sobald die alte Frau dieses ihr Lieblingsthema berührte, das war der Grund zu dem langjährigen Mißverständnis zwischen beiden gewesen.
Die Jugend, die sich stark und selbständig fühlt, mag sich vom Alter nicht belehren lassen; die Jugend ist hochmütig und lächelt gern über die Weisheitssprüche der Alten. Ein jeder will sein eigenes Leben haben — sein eigenes Glück — seinen eigenen Schmerz!
Nun ist der Tag gekommen, an dem Maria vom bittersten Schmerz ganz niedergeworfen, im kleinen Wohnzimmer der Wachtmeistersleute sitzt. Die alte, fleißige Frau und ihre Tochter sind in der warmen Küche beim Nähen, und der Junge ist von seiner ungarischen Reise noch nicht zurück. Es ist still um sie her — nur eine Uhr tickt, und Mirza, der zusammengerollt auf dem Teppich liegt, schnurrt leise vor sich hin.
Bange, unruhige Tage und Nächte des vergeblichen Wartens auf eine Nachricht liegen hinter ihr; entsetzlich wache Nächte, in denen ihre Augen Grauenvolles, Unfaßbares gesehen haben, in denen sich auf ihre Seele der Jammer und das Leid einer ganzen Welt gewälzt hat.
In diesen Nächten hat sie es schon gewußt, daß das Schicksal für sie entschieden hatte — in diesen Nächten hat sie unbeschreibliche Martern und Qualen durchgekostet, hat sich mit aller Kraft aufgerafft und sich gesagt: ‚Was Tausende im Deutschen Reiche dulden müssen, das werde auch ich ertragen können!‘ Und ist dann doch in der Stunde, in der, was ihre Seele schon gewußt, äußerlich bestätigt vor ihr liegt, da sie seinen letzten Brief mit der kurzen Notiz eines Kameraden: ‚Am 20. Oktober bei Cambray gefallen!‘ in der Hand hält, nicht fähig, der Verzweiflung, die sie erfassen will, Herr zu werden.
Ganz klein, ganz gebrochen, ganz elend sitzt sie da und starrt vor sich hin. Und hat es doch viel früher schon, als dieser Krieg ausbrach, gewußt, daß sie ihn nie besitzen würde, hat es mit tödlicher Sicherheit gewußt, daß ihre heißen Wünsche nie Erfüllung finden würden.