Sie hat immer — ihr ganzes Leben lang — eine so rege Phantasie gehabt — hat sich alles, was die Wirklichkeit ihr versagte, immer durch die Kraft der Phantasie ersetzen können. Aber dieses ist ihr nie gelungen: nie hat sie sich vorstellen können, daß einmal eine wirklich glückliche, friedvolle Zeit für sie und ihn kommen würde — daß aus der großen Wirrnis dieser schmerzvollen Liebe je ein klarer, guter, fester Bund fürs Leben erstehen sollte! Hat alles geahnt, hat alles gewußt, und kann und will es nun doch nicht fassen — kann sich nicht vorstellen, daß sie ihn nie wiedersehen soll, daß jene Nachtstunden, da sie im Auto durch Berlin rasten — um Satteltasche, Stiefel und Revolver zusammenzuholen, die letzten gewesen sein sollten! Jene Nachtstunden, in denen er plötzlich so gut, so weich und so verstehend geworden war!

Ihr ist in diesen furchtbar dunklen, einsamen Stunden, als sei ihr der Boden unter den Füßen fortgerissen, als gebe es in der ganzen Welt nichts mehr, was noch zu ihr gehört und ihr Weiterleben möglich macht. Sie hat das Gefühl, eine furchtbare Ungerechtigkeit erfahren zu haben; hat das Gefühl, gegen das Schicksal, das ihr immer — so lange sie denken kann — feindlich gesonnen war, anwüten zu müssen. Die große Zeit hat sie noch nicht groß und hart genug gemacht!

In den Zeitungen liest man oft von den Heldenfrauen und Heldenmüttern, die sich nicht beugen lassen — denen das Vaterland so hoch steht, daß sie das eigene Ich darüber vergessen; ja, die sich glücklich preisen, daß sie schmerzhafte Opfer bringen dürfen! Wo mögen sie die Kraft herhaben? Wer mag ihnen diese Stärke verleihen?

Der Kopf sinkt ihr tiefer und tiefer auf die Brust.

Im kleinen Zimmer ist es dunkler geworden; draußen in der Küche singt Fräulein Else, Mirza schnurrt im Schlaf und die Uhr tickt.

Maria denkt an die Großmutter und hat Sehnsucht nach ihr. Sie hat den Wunsch, Großmutter möchte jetzt bei ihr sein, ihr die Hand auf die Stirn legen, zu ihr sprechen und sie aus der schrecklichen Finsternis, in die sie immer tiefer hineinsinkt, erlösen. Stunde um Stunde sitzt sie so in sich zusammengesunken, regungslos im dunklen Zimmer, bis es denen draußen in der Küche unheimlich wird.

Fräulein Else klopft leise an die Tür und fragt, ob sie die Lampe bringen darf. Aber Frau Hiller, die erst ein paar Augenblicke braucht, um sich in die Gegenwart zurückzufinden, will kein Licht; auch kein Essen; sie mag auch nicht wie sonst zu einem gemütlichen Abend zu den zwei Frauen in die Küche hinauskommen. Sie fühlt sich sehr krank und schwach, und im Kopf toben und wüten die Gedanken, gegen die sie gar nicht mehr ankommen kann. Sie ist wie ein armes Kind, das darauf wartet, daß irgend jemand sich seiner annimmt. Aber die Wachtmeistersleute sind viel zu bescheiden, um sich aufzudrängen.

Fräulein Else richtet schweigend das Schlafzimmer her, entzündet das winzige Öllichtchen, das nun ins Dunkle hineinblinzelt, und geht wieder hinaus.

Um Mitternacht wird Pferdegetrappel draußen auf der Straße hörbar — laute Zurufe, Befehle, Schreien und Gewieher, und Frau Hiller, die noch immer bewegungslos in ihrem Stuhl liegt, schreckt empor.

‚Ernst!‘ zuckt es durch ihre Gedanken, und das Herz schlägt schnell und laut. Das können nur die Freiwilligen sein, die von ihrer Ungarnreise zurückkehren!