Sie tritt ans Fenster und sieht im Schein der Laterne, die von der Kaserne herüberleuchtet, den langen Zug der jungen Husaren und Ulanen, die mit großer Anstrengung, mit lautem Zurufen und Schreien die fremden, noch sehr ungebärdigen Pferde zu meistern suchen. Viele von den Tieren bäumen sich hoch auf, wenn sie in den Kasernenhof hinein sollen, reißen ihre jungen Führer in die Höhe oder ziehen sie im Kreis mit sich herum. Erschreckend, fast schauerlich sieht dieser Kampf zwischen Tier und Mensch in der matten, flackernden Laternenbeleuchtung aus; jedesmal, wenn so ein armer, junger Kerl sich mit seinen Tieren durchs weit geöffnete Kasernentor durchschlagen will, hat man das bange Gefühl, daß ein Unglück geschehen könne, daß die wilden, aufgeregten Gäule ihn zu Boden werfen und zerstampfen könnten.
Wie Frau Hiller so steht und mit bangem Herzen sieht, wie einer nach dem anderen von den Husaren seiner schweren Aufgabe Herr wird, wie sie dann auch ihren Jungen erkennt, der mit fester Hand seine Tiere regiert, wie sie seine Stimme hört und seine schlanke Gestalt im weiten, dunklen Kasernenhof verschwinden sieht, da fühlt sie, wie der starre Schmerz, der sie umfangen hält, weicher wird, und fühlt auch nicht mehr diese leere Trostlosigkeit um sich herum.
In dem Augenblick, da der Junge wieder in ihrer Nähe ist, weiß sie, daß sie doch nicht überflüssig auf der Welt ist — ja, daß ihr Leben vielleicht niemals notwendiger gewesen ist als jetzt.
Draußen in der Küche rasselt immer noch die Maschine. Die Wachtmeistersleute haben wieder ganze Stapel von Wäschelieferungen für Lazarette fertigzustellen, und sie sind unermüdlich, wenn sie so etwas übernommen haben; sie bringen es dann ohne weiteres fertig, ein paar Nächte lang ihren Schlaf zu opfern.
Frau Hiller hat plötzlich den Wunsch, mit ihnen zu sprechen; sie geht hinaus und sieht die Blicke der beiden Frauen staunend und fragend auf sich gerichtet.
„Die Freiwilligen sind soeben von Ungarn zurückgekommen!“ erzählt sie, und während sie das sagt, hört sie von der Straße her: „Mutter!“ rufen. Das Herz schlägt ihr ganz laut; sie läuft mit Fräulein Else die Treppe hinab, und der Junge steht vor ihr — ein wenig bleich, aber voll guter Laune.
„Wir haben nämlich für diese Nacht Urlaub!“ erzählt er. „Wer ein Unterkommen in der Stadt hat, kann bis morgen früh dortbleiben.“ Er ist müde und hungrig, und hat vor allem Verlangen nach reiner Wäsche, denn seit zehn Tagen ist er nicht aus den Kleidern herausgekommen.
Nun wird die Näherei in der Küche beiseite geschoben; der hungrige, müde Husar geht vor. In der Grude ist heißes Wasser genug, um ein notdürftiges Bad herzurichten; Frau Hiller sucht reine Wäsche hervor, und Fräulein Else kocht Tee und bäckt Eier — schneidet Brot und legt Aufschnitt zurecht.
Der kleine müde Husar wird von allen Seiten umsorgt. Eine halbe Stunde später liegt er satt und wohlig in der Mutter Bett ausgestreckt; er kann es gar nicht sagen, wie gut die weichen Kissen und Decken dem müden Körper tun, versucht noch etwas Zusammenhängendes von der schönen Reise zu berichten, aber die Augen fallen während des Erzählens zu. Die Hand in der Mutter Hand, schläft er ein, und das weiche, junge Gesicht sieht zufrieden und glücklich aus.
Frau Hiller bleibt still und von einem großen Gefühl überwältigt bei ihm sitzen. Es ist seit langem das erste Mal wieder, daß sie am Bett ihres schlafenden Jungen sitzt, und durch ihren Kopf ziehen Erinnerungen, — weit zurückliegende Ereignisse fallen ihr ein.