Sie denkt an des kleinen Ernst Vater und an die Jahre der Einsamkeit, die seinem Tod folgten; an die große Angst, die so oft über sie kam, weil der Junge allzu früh anfing, schwer und ernst zu denken und zu grübeln, weil er so selten lachte und jedem Vergnügen aus dem Wege ging.

Sie denkt daran, wie sie selbst so traurig durchs Leben ging, bis sich der Freund zu ihr gefunden hatte, der ihr und des Jungen Leben in so vieler Beziehung umgestaltete. Auch dem Jungen ist er Freund gewesen — ja, ihm ist er eigentlich viel tiefer und ehrlicher Freund und Berater gewesen, als ihr. Und der kleine Ernst hat diese Freundschaft des älteren und bedeutenden Mannes mit so heißer, kindlicher Inbrunst erwidert. Wenn er erfährt, daß dieser beste Freund ihm genommen ist, wird auch in seine Seele tiefer Schmerz einziehen.

Ihr Leid ist nun wieder von neuem erwacht — der Kopf neigt sich, und heiße Tränen fallen auf Ernsts Hand.

Man kann nicht in einer Nacht hart werden — kann nicht in einer Nacht über den Tod eines Menschen hinwegkommen, und all die Liebe und Freundschaft, die ihm gehörte, auf einen anderen übertragen.

Eine Frau aber kann sehr wohl zu gleicher Zeit zwei Menschen mit aller Inbrunst ihrer Seele lieben, und besonders zwei so verschiedene Menschen, wie diesen etwas harten, aber hoch über dem Alltag stehenden Mann, der nun irgendwo in der weiten Welt sein Grab gefunden hat — und den kleinen, zarten, weichen Ernst.

Sie fühlt, während sie die warme Hand des schlafenden Jungen in der ihren hält, daß dieses liebe, geliebte Kind ihr den Toten doch nicht ganz ersetzen kann, und wieder muß sie an Großmutter und deren immer wiederholte Mahnung denken: „Der Junge gehört nicht dir, der will sein Leben für sich haben!“ Die Großmutter steht in dieser Nacht so leibhaftig vor ihr — wie eine Prophetin — streng, unbestechlich hart und im Grunde doch gut und gerecht.

Wenn doch die Großmutter in dieser Nacht bei ihr wäre! Sie ist hilflos; sie hält die Hand ihres Jungen, und ganz verzweifelte Gedanken gehen durch ihren Kopf.

Der Krieg will noch so viele Opfer haben. Von allen Seiten wüten die Feinde immer noch gegen Deutschland an, von allen Seiten wollen sie über das Deutsche Reich herfallen, um es zu zerstückeln, zu vernichten!

Ungeheure Kräfte gehören dazu, um gegen diese Übermacht anzukommen.

Ach, und das Herz ist so oft ruhig und lässig geworden in dieser letzten Zeit, denn da die jungen Freiwilligen bis heute noch nicht eingefordert sind, hat man sich gesagt: ‚Vielleicht werden sie diese Allerjüngsten doch nicht brauchen!‘ und hat sich in Behagen und Sicherheit gewiegt.