In dieser Nacht aber sieht Frau Hiller die Dinge, wie sie wirklich sind; in dieser Nacht drängt es sich ihr mit bitterer Klarheit auf, daß sie auch den Jungen hergeben muß, daß alle, alle, die wehrfähig sind, nötig sein werden, um die furchtbaren Pläne der Feinde Deutschlands zu vereiteln, um das Vaterland nicht untergehen zu lassen.

Die Hand des Jungen zuckt in der ihren, er wendet das Gesicht ihr zu, schlägt einen Augenblick die Augen auf, sagt ein leises, erstauntes: „Ach, Mutter!“ und schläft weiter. Sie sinkt vor dem Bett ihres Kindes auf die Kniee, lehnt das heiße Gesicht an des Jungen kühle Stirn und streicht leise über das kurz geschorene Haar.

Am nächsten Morgen staunt der kleine Husar, als er sich in der Mutter Bett findet.

Bis neun Uhr haben sie Urlaub, um sich von den Anstrengungen der Reise auszuruhen. Die Mutter bringt ihm das Frühstück ans Bett und läßt sich nun alles erzählen; sie sorgt für warmes Wasser zum Waschen, und umgibt ihn mit viel kleinen Aufmerksamkeiten, an die er nicht mehr gewöhnt ist. Das tut ihm wohl, und er möchte sich gern noch länger umsorgen lassen, aber die Zeit drängt, der Dienst ruft, und die Wachtmeister haben ihnen angedroht: ‚Wer sich in dieser Zeit etwas zuschulden kommen läßt, der zieht in den Kasten und nicht in den Krieg.‘

Im Osten wird in diesen Wochen heiß gestritten; man sagt, daß eine große Entscheidung nahe bevorstehe. Die Russen haben alle Kräfte auf eine Stelle geworfen; sie versuchen immer wieder neue Durchbrüche, und die jungen Freiwilligen fiebern vor Ungeduld. Ob auch dieser Entscheidungskampf wieder ohne sie ausgefochten werden soll?

Es geht hier in der Kaserne alles seinen alten Gang: Man putzt und exerziert, man turnt und reitet die neuen Pferde ein — alles wie sonst!

Eine Woche vergeht und noch eine, und es wird sogar ein großer Teil von den ungarischen Gäulen in andere Garnisonen verschickt. Man ist ganz niedergeschlagen, und der dicke Hipp hat einen Brief an seinen Vater verfaßt, in dem er ihm kurz und bündig erklärt: ‚Ich tue hier nicht mehr lange mit; es ist geradezu lächerlich, daß man uns hier festhält. Lieber gehe ich zur Infanterie, denn die braucht man doch wenigstens!‘

Und dann kommt ein Sonntag, der genau so anfängt wie alle anderen Sonntage: Stalldienst — Kirchgang — Briefappell — und die verlängerte Mittagspause! Um vier Uhr hat man wieder zur Stelle zu sein, um zu hören, was für den nächsten Tag bestimmt ist.

Hipp und Hiller haben ihre Freundinnen für sechs Uhr ans Tor bestellt und sind schon in Extrauniform. Hiller will aber zuvor noch eine Stunde mit der Mutter spazieren gehen, denn wenn er sich ihr am Nachmittag widmet, kann er sie am Abend mit ruhigerem Gewissen allein lassen.