„Lebe wohl, Mutter! Nachher kann ich dir doch nicht mehr richtig Lebe wohl! sagen.“ Er hält sie einen Augenblick in den Armen und küßt sie ein paarmal. „Leb wohl, Mutter, und sei nicht traurig!“ Dabei strahlen die Augen immer heller, und der Mund lacht.

Sie beißt sich in die Lippen, und er hängt noch einmal an ihrem Hals, dann reißt er sich los. „Leb wohl, wir sehen uns ja drüben noch!“

Er stürmt hinaus; Fräulein Else bringt nun auch für Frau Hiller Hut und Mantel, und sie gehen alle drei zur Kaserne hinüber.

Da gibt’s jetzt in den großen Höfen fast mehr Zivilpersonen als Militär. Die Freiwilligen haben sich zu Reihen geordnet, und die Wachtmeister und ein paar Offiziere stehen vor ihnen. Überall hört man Schluchzen, sieht verweinte Frauengesichter, und die Väter gehen mit ernsten Augen auf und nieder.

Die Namen werden noch einmal aufgerufen. Keiner fehlt — alle sind sie zur Stelle. Kopf an Kopf stehen sie da, feierlich, in der grauen Uniform, und bieten doch ein heiteres Bild, weil ihre Gesichter strahlen, und weil ein jeder Blumenschmuck an der Mütze oder im Knopfloch trägt.

„Kameraden,“ beginnt der Rittmeister seine Rede, „nun ist die Stunde des Abschieds gekommen; nun verlaßt ihr eure Heimat, eure Eltern, um im gewaltigen Ringen der Völker mitzutun. Unser großer Feldmarschall im Osten hat euch gerufen. Zeigt euch dieses Rufes würdig! Noch hat der Krieg keine endgültige Entscheidung gebracht, aber die Gewißheit ist uns doch schon geworden, daß der Feind trotz seiner Übermacht unser teures Vaterland nicht vernichten wird. Seid tapfer und todesmutig! Seid ebenbürtig euren Vorfahren — jenen großen Freiwilligen von 1813! Zieht hinaus mit Gottes Segen, begleitet von den Wünschen derer, die euch ausbildeten, begleitet von der Liebe und Sorge eurer Eltern! Kämpft für das teure Vaterland und kämpft für den, der an der Spitze des Deutschen Reiches steht: für unseren großen, geliebten Kaiser! Kaiser Wilhelm der Zweite — unser oberster Kriegsherr — er lebe hoch — hoch — hoch!!“

Heiß schallt der Ruf aus den Kehlen der jungen Freiwilligen und derer, die zu ihnen gehören. Dann: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ Über den Hof schallen die Kommandos und in festem Schritt geht es aus dem Kasernentor hinaus.

Draußen stehen die Leute vor den Häusern und winken und rufen: „Hoch, hurra — lebt wohl, auf Wiedersehen!“

Kleine Mädchen reichen ihren Liebsten zum letzten Male die Hand. Zu Hiller drängt sich die kleine Blonde mit den blauen Augen und dem kecken Näschen; sie gibt ihm eine Blume und drückt ihm die Hand, steht dann in einem Torweg ganz nahe bei Frau Hiller und schluchzt laut auf, schluchzt weh und schmerzlich, und Frau Hiller fühlt eine namenlose Zärtlichkeit für dieses junge Geschöpf, das um ihren Ernst weint. Sie legt ihr die Arme um den Hals und zieht sie an sich. „Du Herziges, du — du erste Liebe meines Jungen!“ Und das Mädchen hält einen Augenblick stand, schluchzt noch einmal am Herzen der fremden Frau auf und läuft scheu davon.

— — — Vorbei! Der Zug ist zu Ende!