Frau Hiller schleicht an der offen stehenden Küchentür vorbei. Sie mag das nicht sehen und hören; sie will ruhig sein und will sich freuen, daß sie einen Sohn hat, der dem Vaterlande dient. Sie setzt sich ans Fenster des kleinen Wohnzimmers und schaut zur Kaserne hinüber, wie sie das so oft, so oft getan hat in all diesen vielen Wochen und Monaten. Das Herz zuckt, aber sie will sich dem Schmerz nicht hingeben. — —

Zwei Tage später wartet Großvater an der Station, in der der Schnellzug aus der Altmark einlaufen soll, im Wagen auf die Schwiegertochter. Er ist viel zu früh gekommen und schaut immer wieder auf seine Uhr, denn es ist kalt, und trotz des Pelzmantels, den er trägt, fröstelt ihn. Großmutter hat nicht gewollt, daß er selbst herausfuhr, aber er hat sich nicht abreden lassen.

Endlich kommt sie — ein wenig bleich, aber doch viel gefasster, als er erwartet hatte.

Sie sagt ganz fest und laut: „Guten Tag, Großvater!“ Er drückt ihr beide Hände und sagt zweimal: „Das ist recht, Maria, das du den Kopf nicht hängen läßt! Der Junge steht in Gottes Hand!“

Er hilft ihr einsteigen und läßt das Gepäck aufschnallen, und während der Fahrt erzählt er von allen möglichen Dingen, um sie abzulenken. Erst ganz zuletzt, als sie schon fast am Ziel sind, bringt er sehr schüchtern die Frage, die ihm schon lange auf den Lippen gelegen hat, vor: „Und dein Freund, Maria — wie geht es ihm?“ Aber da sie nicht antwortet, weiß er genug, nimmt ihre Hand in die seine, streichelt sie und sieht sehr bekümmert, sehr traurig aus.

Großmutter steht in der Tür des Hauses. Mit ausgebreiteten Armen kommt sie auf die Mutter ihres Enkels zu. Ihre Augen sind voll Tränen, und auch sie sagt: „Der Junge steht jetzt in Gottes Hand! Sei willkommen, Maria!“ und zieht die Schwiegertochter ins Haus hinein.

Am Abend sitzt sie neben ihr auf dem Rand des Bettes. Die Müller hat das Sommerwohnzimmer, das im Winter wenig benutzt wird, zum Schlafraum hergerichtet. Schöne, alte, behagliche Möbel stehen darin, und durchs Fenster hat man einen weiten Blick auf Fluß und Berge.

„Nun sollst du bei uns erst ganz gesund werden, Maria. Denn wenn du dir auch Mühe gibst, stark zu sein, so sieht man doch, daß dich’s sehr mitgenommen hat, und das ist ja auch nur natürlich. Du mußt aber ganz fest und gesund werden, denn wenn der Junge dich ruft, wenn Gott es so fügt, daß er krank oder verwundet wird und dich braucht, dann will er natürlich eine starke Mutter haben, und darum warten wir noch ein bißchen mit dem Pflegen in den Lazaretten, von dem du sprachst; denn den Kranken wohltun kann nur ein ganz gesunder und nervenstarker Mensch, und das bist du jetzt noch nicht! Es ist jetzt alles dunkel um dich her, das weiß ich wohl, aber es wird auch wieder schön und hell werden. Sieh, ich bin auch durch große Finsternisse gewandert, Kind, — ich war an allem, was mir sonst heilig war, irre geworden! Nun habe ich mich aber wieder zurechtgefunden und sage mir: Gott wird wissen, warum er dieses Strafgericht in die Welt geschickt hat — aber er wird die Gerechten nicht untergehen lassen. Bis heute ist er ja so herrlich mit uns gewesen und hat die ruchlosen Pläne unserer Feinde, die unser Land in Stücke schlagen wollten, zu schanden gemacht. Weißt du noch, wie wir im Anfang davor zitterten, daß die Russen bis nach Berlin vordringen würden?“

Während sie das sagt, löst sie leise das Medaillon, das sie damals ihrer Schwiegertochter für den Fall der äußersten Not gab, von deren Hals und läßt es in ihre Tasche gleiten. „Das brauchst du nun nicht mehr, Maria. Komm, wir wollen beten! Ich habe meinen Gott wiedergefunden.“ Und sie schlingt die Hände um die Marias und betet laut und inbrünstig, wie sie immer zu beten pflegte: „Vater unser, der du bist im Himmel. — So, nun schlaf, mein Kind, und hier hab’ ich dir die Baldrianflasche hingestellt für den Fall, daß du Herzklopfen hast, und auch ein Buch zum Lesen. Ich bin ja sonst nicht für das Lesen bei Kerzenlicht, aber es ist immerhin noch besser, als trüben Gedanken nachhängen. Gute Nacht, Maria, gute Nacht, mein liebes Kind, und wenn es dir schwer ums Herz wird, dann denke immer: Der Junge steht in Gottes Hand.“