„Du kannst morgen so lange liegen, wie du Lust hast. — Gute Nacht, mein Kind!“
Durchs offene Fenster strömte die milde Sommerluft, ein Raunen und Weben ging durchs stille Zimmer. Eine Weile noch quälte sich der arme Kopf, eine Weile noch hüpften und irrlichterten die Gedanken, dann aber war es still. Marias Hände hatten das goldene Medaillon umschlossen — und es war, als ob Ruhe und Friede aus diesem kleinen Amulett ausströmten.
Der Rat Mertens, die Kosaken, die Großmutter, das Jungchen in der Kaserne flogen immer matter durch ihre Gedanken.
‚Dem Jungchen passiert nichts; das Kind soll dir erhalten bleiben!‘ hörte sie die Großmutter noch sagen, und dann kam der Schlaf doch noch — ein tiefer, guter, traumloser, langer Schlaf.
Großmutter meinte am späten Morgen zur Müller: „Nein, nicht wecken!“ und wartete geduldig, bis der Mittag nahe war.
Einen Tag später fragte Maria mit etwas ängstlichem Herzen: „Erlaubst du, daß ich abreise, Großmutter?“ Und Großmutter sagte kurz: „Ich halte niemanden, der nicht gerne bei mir ist!“
„Nein, so sollst du nicht sprechen!“ bat Maria. „Du weißt nicht, welche Unruhe in mir ist. Heute habe ich wieder keinen Brief von Ernst bekommen.“
„Das kannst du auch nicht verlangen, daß er dir täglich schreibt!“