„Läßt du mich reisen, Großmutter? Ich meine, läßt du mich reisen, ohne böse zu sein?“

Da küßte die Großmutter sie herzlich. „Ich halte dich nicht, Maria, aber wenn es dich einmal zu mir drängt, so weißt du, daß dir bei niemand weiter die Türen offen stehen als bei Großvater und mir.“

„Du bist sehr lieb, Großmutter.“ Sie schmiegte sich ganz eng an sie an und ließ sich streicheln.

„So für zwei oder drei Tage geht es immer ganz gut mit uns beiden,“ scherzte die alte Frau, „und es ist eigentlich das Vernünftigste, daß wir uns zu keinem längeren Zusammensein zwingen. Also dann sprich nun mit Großvater; der wird dir wahrscheinlich sagen können, ob und wann Züge gehen.“

Der Großvater wußte in der Tat genau Bescheid, aber er riet, wieder einen Wagen zu nehmen und zur nächsten Station, von der aus ein Schnellzug ging, zu fahren. Die Großmutter protestierte ein wenig wegen der Kosten und weil man schon um fünf Uhr in der Frühe abfahren mußte, aber schließlich fügte sie sich.

„Aber nicht den Jungen besuchen und ihm das Herz schwer machen, Maria. Der führt jetzt sein Leben für sich und hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun. Schicke ihm jede Woche ein vernünftiges Paket, das wird ihm lieber sein als alles andere.“

Am nächsten Morgen, als der Großvater mit Maria durch den Vorgarten schritt, hatte er ein ganz jungenhaft vergnügtes Gesicht. Die alte Frau winkte ihnen vom Fenster aus zu und rief: „Das Medaillon hast du doch um den Hals hängen, ja?“ „Natürlich, Großmutter.“ Maria setzte sich auf den hohen Sitz neben Großvater; der nahm die Peitsche zur Hand, grüßte noch einmal zur Großmutter hin und schnalzte mit der Zunge. —

„Hast du eigentlich Sinn für Natur, Kind?“ fragte er, sowie sie aus der kleinen Stadt heraus waren, und ließ die Pferde in langsamerer Gangart fahren. „Du siehst manchmal so ins Weite, daß man gar nicht weiß, wo deine Gedanken eigentlich sind. Aber wenn du die Natur liebst, dann muß dieser frühe Sommermorgen ein Genuß für dich sein. Draußen in der Welt toben die Schlachten, Grauen und Entsetzen, und hier dieser stille Friede! Sieh mal, ich habe jeden Morgen, wenn Großmutter noch schläft, meine schwache Stunde. Wer selbst im Krieg gestanden hat, nur der kann sich ein klares Bild von dem, was jetzt in der Welt vorgeht, machen. Und dann bin ich auch zu alt, um mich ganz und gar der frohen Zuversicht: Wir werden und wir müssen siegen! hinzugeben. Es ist eine zu gewaltige Übermacht, gegen die wir kämpfen. Aber angenommen, wir siegen doch, selbst dann kann man nicht mehr froh und glücklich werden. Ein Mensch, der wie ich am Ende seiner Tage steht, der glaubt, selbst ein wenn auch noch so winziges Teil zur Kultur beigetragen zu haben, möchte die Augen schließen bei dem Gedanken, daß so etwas noch möglich war. Wir sind um fünf Jahrzehnte zurückgeworfen, Maria; wir Alten können ruhig von uns sagen: wir haben umsonst gelebt!“

„Ich glaube es dir, Großvater,“ sagte Maria. „Aber es ist jetzt für niemand schön in der Welt. Die, die schon gelebt haben, sehen ihre Arbeit vernichtet, und die, vor denen noch ein Stück Wegs liegt, haben die Lust verloren, ihn weiter zu gehen. Beneidenswert sind vielleicht nur die ganz Jungen, die sich besinnungslos hineinstürzen und gar nicht zum Denken kommen.“

Großvater wies mit dem Peitschenstiel in die Ferne: „Sieh mal, wie schön dort drüben.“ Da war der junge Himmel wunderbar zartblau, und eine leise Wellenlinie von Hügeln hob sich leicht davon ab. Dunkel ragte ein Stück Wald auf, und grüne Wiesen dehnten sich bis zum Fahrweg hin.