„Diesen Weg ging ich so manchesmal in diesen letzten Wochen genau zur selben Stunde wie jetzt. Großmutter ist ärgerlich darüber, weil sie denkt, das sei zwar ganz nett, wenn junge Leute Frühaufsteher wären; den alten Mann aber möchte sie in den weichen Kissen halten. So gut sie es aber auch meint, grade in dieser Morgenstunde ertrag ich’s nicht, daß ein Mensch neben mir so behaglich und gesund schläft, und dann nehme ich Reißaus und komme froh und stark genug zurück, um meine Strafrede in Empfang zu nehmen!“

„Warum hast du eigentlich noch einmal geheiratet, Großvater?“ fragte Maria.

Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Weil sie so wundervoll gesund ist, Kind! Nichts ist wohltuender und erfrischender für einen Menschen, der zeitlebens im Kampf mit tausend Erwägungen, Grübeleien und Zweifeln gelegen hat, als neben solch robuster und dabei liebevoller Gesundheit zu leben. Sie ist wirklich eine gute, vernünftige Frau, Maria! Hat vielleicht ein bißchen was von der Frau aus dem Volke an sich, aber das schadet nichts. Ich habe mich an sie gewöhnen müssen, aber jetzt möchte ich sie nicht mehr entbehren. Je älter man wird, um so mehr lernt man das Einfach-Gute im Menschen schätzen. Ich habe zwanzig Jahre allein gelebt und während der ganzen Zeit immer auf die sogenannte verstehende Seele gewartet; die wollte mir aber nicht begegnen. Dafür kam dann Großmutter und ließ mich nicht mehr locker. Heut weiß ich, daß es vielleicht ein größeres Glück ist, wenn der stark innerlich lebende Mensch sich an den, der praktisch und gesund ist, bindet, als wenn zwei grübelnde, ewig-suchende, selbstquälerische Menschen sich paaren. Das muß ich dir, grade dir klar zu machen suchen, Maria, da ich immer mehr sehe und fühle, daß auch du so eine arme, grübelnde Seele bist. Damit kommst du nicht weiter. Es bleibt immer beim alten, man verlernt das Lachen und bohrt sich tiefer und tiefer in seine fruchtlosen Betrachtungen hinein. Du solltest es machen, wie ich’s gemacht habe: einfach mit einem gewaltigen Ruck alles abstreifen und einen gesunden Menschen suchen, der dich täglich von neuem in die Wirklichkeit zurückzwingt!“

„Nun kommst auch du mit Heiratsprojekten, Großvater!“

Er lächelte. „Weil du mir leid tust, Kind. Vielleicht aber bringt es diese Zeit zustande, die Menschen einfacher und gesünder zu machen. Wenn man aus der überverfeinerten Kultur so mit Gewalt ins Urwesen der Menschheit zurückgeschleudert wird, kann natürlich die Rückwirkung auf die Denk- und Anschauungsweise des einzelnen nicht ausbleiben.“

Sie kamen durch ein Dorf, durch das ein silbernes Bächlein floß. Frauen mit aufgeschürzten Röcken standen am Wasser und spülten Wäsche aus; barfüßige Kinder liefen umher oder saßen in den niederen Türen der Häuschen und Hütten. Gänse schnatterten und Hühner gackerten.

„Magst du das leiden?“ fragte Großvater.

„Ja, sehr, ich möchte auch so ein Weib sein, das am Brunnen seine Wäsche wäscht und nichts dabei denkt. Ist es nicht eigentlich lächerlich, daß man immer den Wunsch hat, zum Primitiven, Ursprünglichen zurückzukehren? Wozu ist der ganze Ballast von Wissenschaft, Kunst und allem, was nicht zur einfachen, reinen Natur gehört, überhaupt da?“

„Ich weiß es nicht,“ antwortete Großvater. „Und wenn du so alt bist wie ich, wirst du es auch nicht wissen. Sieh nur zu, daß du deinen Jungen von seinem grüblerischen Wesen abbringst! Laß ihn ruhig Soldat bleiben, wenn er gesund aus dem Kriege herauskommt. Er ist jetzt schon so ein blasser Denkermensch, und Großmutter hat nicht Unrecht, wenn sie sich Sorgen um ihn macht.“

„Ich kann ja jetzt gar nichts mehr an ihm tun,“ sagte Maria beklommen und ließ den Kopf hängen. Aber wie sie dann zwischen schwerbehangenen Obstbäumen dahinfuhren, war der alte Mann fast kindlich froh.