Am späten Abend rief er sie in sein Zimmer. Jacke und Weste ausgezogen, das Hemd von der Brust heruntergestreift. „Ob sie mich nehmen, Mutter? Sie suchen erst die Kräftigsten heraus. Hol’ ein Zentimetermaß, bitte, und miß, wieviel Brustweite ich habe!“ So ein schmales, zartes Kerlchen stand vor ihr. Zitternd legte er sich das Maß um den Rücken und zog es eng über der Brust zusammen.

Dann atmete er tief. „So, nun miß noch einmal!“

Und dann strahlte das Gesicht. Es reichte — — er war stark genug — sie durften ihn nicht abweisen.

„Stell mir den Wecker neben das Bett, Mutter. Gute Nacht!“ Drehte sich um und war auch schon im tiefsten Schlaf.

Wieviele Mütter mögen in jenen ersten Nächten am Bett ihres Jungen gesessen und fassungslos in das junge, weiche Gesicht geschaut haben. Und wieviel Kämpfe mögen da ausgefochten worden sein. Verzweifelte Kämpfe zwischen Stolz und namenloser Schwäche, zwischen hellem Ehrgeiz und tiefstem Jammer.

Es war da plötzlich eine unsichtbare Macht in die Welt gekommen, die riß die, welche zusammengehörten, auseinander — machte aus dem kindlichsten Buben einen Menschen, der ganz genau wußte, was er zu tun hatte, der nicht mehr nach rechts und nach links schaute, der im Fieber auf die Erfüllung des einen, großen, heiligen Wunsches wartete: „Nehmt mich! Nehmt mich! Stoßt mich nicht aus!“

Und der glühende Wunsch, der da im schlafenden Buben lebte, teilte sich der, die neben ihm saß, die durch ein einsames Leben mit dem Kind an der Hand gegangen war, mit und gab ihr Stolz und Kraft. „Mag dein Wunsch sich erfüllen — mein Jung — —“ und küßte die hohe, reine Stirn, die das Schönste an diesem schmalen Knabengesicht war.

Dann noch ein Tag der Enttäuschung — noch ein Tag, an dem die irre Angst in den dunklen Augen lebte. — „Ich ertrag’ es nicht, wenn sie mich nicht nehmen!“ Und kein Trost, keine Ermutigung wollte helfen.

Am dritten Tage aber kommt er heim, das Gesicht wie mit Glanz übergossen, holt einen Fahrschein, der ihm im Kriegsministerium ausgestellt worden ist, aus der Tasche und jubelt: „Morgen fahren wir. In der Altmark beim Husarenregiment brauchen sie Freiwillige, die nicht über hundertdreißig Pfund wiegen. Pack mir das Notwendigste ein, Mutter! Bevor ich eintrete, werde ich ja noch einmal zurückkommen!“