„Wir sind sehr verschieden, Maria,“ sagte sie, „und werden wohl nie ganz zueinander hinkönnen; aber wenn du um das Jungchen weinst, habe ich dich lieb, denn dann fühle ich, daß du doch zu uns gehörst.“
Es war nun ganz dunkel im Zimmer geworden, und die Großmutter sprach leise, aber nicht ohne Heftigkeit:
„Siehst du nun ein, daß es eine Dummheit ist, wenn eine Frau, die noch jung ist, den Wahn hat, allein bleiben zu müssen. Man kann sich den Mann nicht malen, ganz besonders nicht, wenn man so wenig Mittel hat wie du. Aber, da hat man, wenn ein braver, solider Mann mit reellen Absichten kommt, gleich große Schlagreden bei der Hand: ‚Ich muß verstanden sein, muß seelische Gemeinschaft, gleiche Interessen haben!‘ Der lautere Blödsinn, Maria, den sich meinethalben eine Millionärin erlauben kann. Aber für dich paßte sich das absolut nicht! Nun, wo Gott dies furchtbare Strafgericht in die Welt geschickt hat, stehst du gottverlassen da und wärest vielleicht froh, wenn einer käme und dir Sicherheit böte.“
„Nein, das wäre ich auch heute noch nicht, wenn ich ihn nicht lieben könnte!“ Der Kopf hob sich von der Brust der Großmutter, und die alte Kluft war wieder da.
„Dann weine auch nicht! Der Hochmütige darf nicht weich werden.“
Der Großvater trat ins Zimmer. „Warum denn so im Dunkeln?“ fragte er und ließ den Kronleuchter aufblitzen.
Die Großmutter ward ärgerlich. „Du weißt, daß ich diese plötzliche Beleuchtung nicht vertrage!“ Und der alte Herr schaltete, mit einem feinen Lächeln um den Mund, die Krone aus und drehte eine kleine, gelbverschleierte Lampe an. Er hielt Zeitungen in der Hand und machte ein bedeutendes Gesicht. „Kann ich noch eine Tasse Tee haben?“ fragte er; aber als Maria aufspringen wollte, hielt Großmutter sie fest.
„Geh, Alterchen, und klingle der Müller! Sie wird dir schon irgendwas Trinkbares bringen.“
Die Müller, eine ältliche Frau, die bei den zwei alten Leuten wohnte und sie bediente, kam schon von selbst mit einer Tasse Tee, und der Großvater richtete ein paar freundlich scherzende Worte an sie.
„Was Neues?“ fragte die Großmutter; und er las den Hauptartikel aus der Zeitung vor.