An diesem Tag tritt noch etwas Neues in sein Leben. Sie machen nähere Bekanntschaft mit den ‚alten Leuten‘. Das sind die, die im letzten Monat ihrer Dienstzeit sind und bald ausrücken werden.
Viele sind schon feldgrau, und sie machen sich über das Aussehen der Neueingestellten lustig und machen ihnen vor allem klar, daß sie sich selbstverständlich eine Extrauniform anschaffen müssen, denn so wie sie jetzt aussehen, können sie sich auf Urlaub in der Stadt nicht blicken lassen. Natürlich hat’s keinen Zweck, sich für die paar Wochen, die sie hier in der Kaserne sein werden, vom Schneider eine teure Uniform machen zu lassen. Das wäre Blödsinn. Aber ihnen, den alten Leuten, können sie ihre Gebrauchsuniform abkaufen — für ein Spottgeld.
Den Jungen leuchtet das ein. Die fünfte Garnitur, die man ihnen verabreicht hat, ist wirklich nichts weniger als schön. Es werden große Geschäfte gemacht. Die ‚alten Leute‘ haben im Handumdrehen heraus, wer von den Neueingestellten mit dem Nötigen in bar ausgestattet ist, und wissen, an der Eitelkeit zu packen.
Ernst Hiller hat längst durchblicken lassen, daß er nicht unerhebliche Mittel bei sich trägt. Es hat sich auch einer von den Gedienten gefunden, der eine ganz ähnliche Figur wie er selber hat, und nach einer knappen halben Stunde ist er im Besitz einer wirklich wie neu aussehenden Uniform. Ein Paar Stiefel, die von Lackleder sein sollen, und deren Ursprungspreis auf neunzig Mark angegeben wurde — denn sie rühren von einem Offizier her — gleiten ihm glatt über den hohen Spann, und eine anständige Mütze sitzt ihm vernünftig auf dem Kopf.
Für den ganzen Rummel hat er fünfundsechzig Mark gegeben — ein Spottpreis, wenn man berechnet, was das ‚neu‘ gekostet hätte, und ein Spottpreis, wenn man die strahlenden, seligen Augen des kleinen Hiller in Betracht zieht.
Er ist in einem Taumel von Glück und Begeisterung an diesem Tag.
Um fünf Uhr müssen sie in Reih’ und Glied stehen, und ein Wachtmeister mit donnernder Stimme hält ihnen einen Vortrag über militärischen Gehorsam:
„Die Zeiten sind hart, das Vaterland braucht seine Männer — — ein jeder hat also heute die doppelte und dreifache Pflicht, sich einzufügen und den Vorgesetzten die schwere Arbeit zu erleichtern.“
Dann die Verlesung des Dienstes für den nächsten Tag: halb fünf Uhr Wecken — fünf Uhr Stalldienst — halb acht Uhr Verteilung der Pferde — —