Ist man ins Mittelalter zurückgekehrt? Ist alles, was Jahrhunderte in eifrigem, rastlosem Fleiß an der Kultur gearbeitet haben, ganz umsonst gewesen? Wer ein leicht erregbar Herz hat in diesen Tagen des Entsetzens, der ist verloren. Wer so geartet ist, daß er sich dem Leid, dem Weh, das den Mitmenschen heimsucht, nicht verschließen kann und will, der weint Tränen in diesen Tagen, die schlimmer sind, als das Blut, das aus schmerzender, brennender Wunde fließt.
Ein jeder leidet, ein jeder kämpft am Morgen, damit er den Tag und das Furchtbare, das er finden kann und wird, ertragen könne. Deutschland hat ein Ehrenband bekommen, das alle Herzen zusammenschmiedet, alles Kleinliche, alles Alltäglich-Gemeine ist über Bord geworfen, jetzt bei Beginn dieses grauenvollen Krieges.
Ob es so bleiben wird, wer mag es wissen? Ob auch ein Krieg, ob Greuel und Tod und Mord zur Gewohnheit werden können, und einen nüchternen Alltag wieder aufkommen lassen, wer mag es wissen? Für den Augenblick zum wenigsten scheint alles zu schweigen; für den Augenblick hat auch der Armseligste vergessen, daß er ein Einzelwesen ist und kleine und große selbstische Wünsche im Herzen trägt.
Jetzt spricht eine furchtbare Stimme zum deutschen Volke.
Feind um Feind ist aufgestanden; die ganze Welt scheint sich verbunden zu haben, um das Land, das Volk, das niemandem etwas zuleide tat, das nichts weiter tat, als rastlos voranzustreben, zu vernichten.
Kann Gott das geschehen lassen? Kann Gott, der Allgerechte und Allgütige, das wollen?
‚Nein, nein und tausendmal nein!‘ braust es von den Kanzeln herab. ‚Das kann Gott nicht wollen! Gott kann nicht zugeben, daß das einzig schuldlose, gerechte Volk einer Meute von gemeinen, habgierigen, verlogenen Feinden unterliegen soll.‘
Die Kirchen sind überfüllt in dieser Zeit. Nicht aus Angst, nicht aus kleinen Motiven sitzen auch die auf den Kirchenbänken, die sonst in Jahren das Gotteshaus nicht betreten haben. Es geht nicht anders; man muß heraus aus der gewohnten Umgebung — man muß es laut und mit heißer, inbrünstiger Sicherheit verkünden hören:
„Das kann Gott nicht wollen! Das darf und wird nicht sein, daß der Schuldlose vernichtet wird, und daß Neid und Mißgunst und schnöde Habsucht siegen werden!“
Die Welt ist in Aufruhr. Wer sich nie zuvor gesehen, spricht jetzt mit dem andern, als sei er seit Jahren sein Freund. Wer schon ein heißes Herzweh erfahren hat, schon Mann oder Kind hergeben mußte, der wird um seines Schmerzes willen geliebt und geehrt von jedem, der von seinem Unglück erfährt.