Und jetzt, in dieser halbdunklen Einsamkeit, in dieser tiefen Sehnsuchtsstimmung, in dieser warmen, von einem erregenden Duft erfüllten Luft steigt heiß und drängend im armen, kleinen Hiller ein bisher ungekanntes Verlangen auf.
Tränen fließen ihm aus den Augen. Die Hände haben sich zu Fäusten geballt — weh, furchtbar weh ist ihm ums Herz.
Ein Pferd hat den Kopf aus dem Halfter gelöst und versucht auszubrechen. Er springt hin und bekommt es zu fassen, bevor es draußen ist.
Das Tier schnuppert an ihm herum und läßt sich willig anketten. Er schleicht zu seiner Futterkiste zurück; er sitzt und seine Gedanken fliegen zur Mutter. Wo mag die sein? Ob sie allein zu Hause sitzt? Ob sie zur Großmutter gefahren ist?
Er sieht sie vor sich, hört sie reden, sieht sie weinen. Natürlich weint sie um ihn. Die Trennung mag schwer auf ihr lasten. Bislang hat er noch nicht recht darüber nachgedacht, wie einsam es um sie sein muß. Nun aber kommt es plötzlich über ihn. Die traulichen Zimmer, in denen er mit ihr gelebt hat, sieht er vor sich. Die Bilder an den Wänden leuchten zu ihm herab. Er sitzt mit ihr in der halbdunklen Sofaecke, den Kopf an sie geschmiegt.
Wie schön waren diese Abende mit ihr gewesen! Wie schön dies ganze stille, einfache Leben! So geborgen, so warm! Wenn man etwas auf dem Herzen gehabt, hat man’s abends der Mutter gesagt, und alles war gut gewesen. Und hat sich doch eigentlich immer nach was anderem gesehnt. Hat immer gerechnet, wieviel Vierteljahre man noch auf der Schulbank zu sitzen und abzuwarten hat, bis das eigentliche Leben kam.
Und nun ist dies eigentliche Leben da — nun ist man ganz plötzlich aus allem herausgeschleudert worden! Man ist Soldat geworden und will fürs Vaterland kämpfen. So stolz, so glücklich, so begeistert ist man gewesen.
Warum nur? Für was nur?
Man hört ja nichts mehr vom Krieg. Man tut ja nichts, gar nichts zur Sache. Den ganzen Tag wird man angeschnauzt — Schimpfnamen fliegen einem um den Kopf. Man mistet Ställe aus und putzt seine Pferde.
Das hat man doch nicht gewollt! Dafür ist man doch nicht hierher gekommen! Und der kleine Hiller, der sich jeden Tag von neuem freuen muß, wenn er überhaupt glücklich auf sein Pferd hinaufkommt und sich oben behaupten kann — der kleine Hiller, den jedes Glied am ganzen Körper schmerzt, der einen geradezu verzweifelten Kampf gegen Schwäche und Schlappheit kämpft, hat in dieser stillen, todeinsamen Nachtstunde das Gefühl, daß ihm ein großes Unrecht geschieht, weil man ihn hier noch festhält, statt ihn in Kampf und Begeisterung ziehen zu lassen.