„Du wußtest aber doch, daß er herzleidend war, Großmutter.“
„Aber ich wußte auch, daß die Ärzte zu mir gesagt hatten, er könne sechzig Jahre alt werden trotz seines Leidens. Laß gut sein, Kind, wir wollen nicht die alten Geschichten aufrühren! Nur das eine kann ich dir sagen, Maria: Über den Tod eines Mannes kommt man hinweg, denn selbst wenn man einem Manne sehr gut ist, so kann man ihn doch nie mit solcher Liebe lieben wie das Kind, das man unter dem Herzen getragen hat.“
Maria war bleich geworden.
„Aber nun erzähle weiter! Also der Aufsatz war Blödsinn und wurde doch für gut befunden. Gott, und gerade vor dem Aufsatz hatte er die größte Angst gehabt, weil sie da oft so verrückte Themata geben. Da sieht man mal wieder, daß der Mensch sich keine Sorge um das, was die Zukunft bringt, machen soll. Es kommt immer alles anders als man denkt, im Großen wie im Kleinen. Wurden sie denn in den andern Fächern überhaupt geprüft?“
„Ja, er sagte mir, in allem seien sie geprüft worden, aber, weißt du, so, daß die Lehrer selbst die Antwort gaben oder sie ihnen doch in den Mund legten. In der Geschichte fragte man ihn: ‚Wann starb die Königin Luise?‘ und gleich danach: ‚Sie wissen doch, vor zwei Jahren feierte man ihren hundertsten Todestag?‘“
„Großvater, das mußt du hören!“ rief Großmutter zum wiedereintretenden alten Herrn, „wie sie den Jungen in Geschichte geprüft haben!“
Großvater hörte liebenswürdig zu, entschuldigte sich aber gleich wieder. Er hatte von einem Extrablatt, das ausgegeben sein sollte, gehört und wollte es sich verschaffen, damit die Herren am Abend nicht den Triumph haben sollten, ihm mit Neuigkeiten zuvorzukommen. Großmutter war ärgerlich.
„Du kannst mir glauben, Maria, seit diesem unseligen Krieg ist unser ganzes Zusammenleben zerstört. Großvater ist rein aus dem Häuschen und schert sich um keine Zeiteinteilung mehr. Es ist zum Verzweifeln.“
Großvater sagte ernst: „Wie kannst du klagen, da wir hier in unserer behaglichen Sicherheit leben!“ Und die alte Frau nickte: „Ist schon gut, Alterchen. Jetzt kommt er mit seinen Ostpreußen. Geh’ nur, aber sieh’, daß du zum Essen zeitig da bist!“ und dann wieder zu Maria gewandt: „Ja, stell’ dir vor, Maria, wenn ich ihm den Gefallen getan hätte und mit ihm in seine Heimat nach Ostpreußen gezogen wäre. Ich war nahe genug daran, aber ich weiß nicht, warum: ich hatte immer ein Grauen davor, so nahe an der Grenze zu wohnen. Nun denkt aber Großvater, er hätte ein Recht, mir bei jeder kleinsten Gelegenheit das Schicksal seiner armen Landsleute vorzuwerfen, statt daß er sich freut, hier in Ruhe zu sitzen.“
Maria sagte nachdenklich: „Es geht mir manchmal wie Großvater, ich schäme mich des Wohlergehens! Es klingt frivol, aber oft wünsche ich, man litte mehr unter dem Krieg, ich meine es jetzt rein äußerlich.“