„Ich muß jetzt wieder zurück, Mutter. Aber ich bekomme sicher Urlaub; denn die anderen haben sich auch schon oft Urlaub geben lassen. Ich telephoniere dir nach dem ‚Schwan‘. Auf Wiedersehn, Mutter!“ Und bevor sie noch beim Posten angelangt ist, ist er schon außer Sehweite.
Sie geht ein Stück die Straße entlang und ist wie benommen. Eine Sekunde lang hat sie das Gefühl: ‚Das war er ja gar nicht! Dieser braungebrannte, nach Heu und Stall duftende Soldat war doch nicht Ernst — der zarte, liebenswürdige, schüchterne Ernst!‘ Aber er war es doch, und sie muß wieder an Großmutters Worte denken: „Der Junge wird jetzt ein Mann, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.“
Sehr langsam geht sie weiter und kommt auf den schwarzen Husarenweg. Die Sonne ist fort, und flach und reizlos dehnt sich das Land vor ihr aus. Weit kann der Blick hier schweifen, aber vor ihren Augen ist ein Schleier.
„Ernst — Ernst!“
Sie fühlt wieder diese heiße, wehe, instinkthafte Liebe für ihn — diese selbstverständliche Naturliebe, die auch ein Tier für sein Junges, das ihm entrissen werden soll, empfinden mag.
Wer hat ein Recht, ihr den Jungen zu nehmen? Oft schon in dieser Zeit seit Ausbruch des Krieges hat es so in ihr getobt, hat eine Stimme in ihr geschrien: ‚Der Junge ist mein — mein — mein! Wer hat ein Recht, ihn mir zu nehmen?‘ Und hat dann, wenn der Aufruhr im armen, gepeinigten Herzen vorüber war, den Kopf geneigt und hat an die tausend und aber tausend Mütter im Deutschen Reich gedacht, die all dasselbe schwere Opfer darbringen. Und hat auch Zeiten gehabt, in denen sie ganz ruhig, ganz groß zu denken vermochte; in denen sie sich stolz und glücklich fühlte, weil ihr Sohn mittun durfte im gewaltigen Völkerringen, hat wundervolle Zeiten gehabt, in denen sie empfand, daß es schön und herrlich ist, dem bedrängten Vaterland das Beste und Einzige, was man besitzt, darzubringen.
Jetzt, da sie im grauen Abenddämmer in der fremden Stadt auf dem schwarzen, staubigen Weg langsam dahingeht, ist aber all das Große und Schöne von ihr abgefallen.
Sie ist hierhergekommen, um ein heimwehkrankes zartes, bekümmertes Kind ans Herz zu nehmen, und hat einem gesunden, fast derben Soldaten gegenübergestanden.
Auch das tut weh, daß sie ihn so sehen mußte — so wenig schön, so ungepflegt, so derb.