Sie geht und geht und weiß nicht, wohin. Tiefer senken sich die Schatten; vor ihr liegt unbebautes Feld, und es ist sehr, sehr einsam. Kein Mensch ist in der Nähe, und leise Angst kommt in ihr auf.

Sie geht denselben Weg, den sie kam, zurück. Staubwolken wirbeln, und ein Hirt kommt mit großer Schafherde durch den schwarzen Staub daher. Der Hirt strickt an einem Strumpf. Das hat sie noch nie gesehen; nur aus Erzählungen weiß sie, daß es strickende Hirten gibt. Aber friedlich mutet sie das Bild dieses graubärtig strickenden Mannes an. Friedlich auch der Zug der heimkehrenden Schafe und der beiden Hunde, die, ohne zu bellen, um die Herde herumkreisen. Wie ein Märchen so seltsam! Einen wunderbaren Kontrast bildet dies stille Bild zu all dem wilden Rasen draußen in der Welt.

Ihr Herz ist ruhiger geworden. Aus der halben Dunkelheit ragt das alte Tor ehrwürdig und gigantisch vor ihr auf. Und dann ist sie plötzlich in einem lustigen Treiben mitten drin. Husaren in der graugelben Uniform, die auch ihr Ernst trägt, eilen durch die Straßen; auf hohen Heuwagen sieht sie die bunten Husaren sitzen, und auf Rädern fahren sie an ihr vorüber. Froher wird ihr zumute, und sie weiß nun auch, warum sie vorhin so sehr enttäuscht war. Der graue, schmutzige Drillichanzug mag sein Teil daran gehabt haben. Der Mensch hängt am Äußeren, und eine jede Mutter mag Schmerz empfinden, wenn sie ihr Kind so unschön und so nachlässig im Äußeren findet. Sie ist wieder ganz elastisch geworden. Ein kleiner Junge, dem sie ein Geldstück verspricht, führt sie zum ‚Schwan‘. Man weist ihr ein behagliches Zimmer an. Ernst meldet telephonisch, daß er Urlaub erhalten hat, und eine halbe Stunde später hört sie Sporengeklirr vor ihrer Tür.

Da steht ihr Junge — schmuck in der gutsitzenden Uniform und den hohen Reiterstiefeln mit der gelben Einfassung! Er wirft seine Mütze auf den Tisch und umarmt die Mutter jetzt ohne Scheu — kindlich und zärtlich wie früher.

„Jungchen — mein Jungchen!“

Die Haare sind kurz abgeschoren, und auf der Oberlippe ist ein ganz leichter Flaum von dunkelblonden Härchen zu sehen. Viel männlicher ist er geworden! Stramm, mit leuchtenden Augen steht er da.

„Wie gefalle ich dir, Mutter?“ Er tritt vor den großen Spiegel und staunt sich selbst an. Denn in der Kaserne hat er keine Gelegenheit, sein Bild in Lebensgröße zu sehen. Sie schaut ihn an und weiß nicht, was sie sagen soll; ihr Herz ist stolz und doch noch voll Schmerz.

„Unten wartet ein Kamerad von mir,“ sagt er dann. „Er heißt Hipp und ließ mir keine Ruhe, bis ich ihn mitnahm. Wenn sein Vater ihn mal besucht, lädt er mich auch ein.“

Sie ist sehr enttäuscht. „Ach, Ernst, an diesem ersten Abend willst du nicht mit mir allein sein?“

„Das ging nicht anders, Mutter. Aber wir können uns ja auch so alles erzählen. Hipp ist ein ganz netter Kerl. Wir haben aber nur eine Stunde Urlaub, und wenn wir noch essen wollen, müssen wir hinuntergehen.“