Da kamen ihr schon wieder Großmutters Worte in den Sinn: ‚Der Junge muß jetzt ein Mann werden, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.‘


Das fremde Hotelzimmer grinst sie höhnisch an, als sie es wieder betritt. Neun Uhr schlägt’s von der Kirche, die nur durch ein drei Meter breites Gäßchen vom ‚Schwan‘ getrennt ist.

Eine kurze Stunde hat sie unten im Speisesaal mit den zwei gesessen — ist nicht aus dem Staunen, aus dem Schmerzgefühl herausgekommen. Ihren Jungen hat sie angesehen, wie man einen Menschen, den man vor Jahren einmal genau kannte, und der einem dann irgendwo in sehr veränderter Gestalt entgegentritt, vielleicht anschauen würde.

Der dicke, etwas gewöhnlich aussehende Hipp mit seinem gesunden, naseweisen Witz stößt sie ab; er stößt sie doppelt ab, weil sie sieht, wie ihr Junge ganz unwissentlich seine Art anzunehmen versucht. Ernst hat zu Hause selten einen Witz erzählt, und wenn er es tat, so wartete er den Erfolg nicht ab. An diesem Abend kommt viel ungereimtes Zeug aus seinem Munde. Es ist, als wolle er der Mutter zeigen: ‚Sieh, was aus mir geworden ist, seit ich von dir fort bin!‘ Es kann aber auch sein, daß er sich gar nichts denkt; es kann sein, daß er in ganz jungenhafter Weise dem Kameraden beweisen will, daß er kein Muttersöhnchen ist.

Sie weiß an diesem Abend nicht, was sie aus ihm machen soll. Sie weiß nur, daß sie traurig ist.

Die niedrigen Fensterchen ihres Zimmerchen stehen weit offen. Kühle Sommerabendluft strömt zu ihr hinein. Sie sitzt auf dem roten Samtsofa und stützt den Kopf in die Hand.

Morgen will sie noch nicht reisen; für morgen hat er sich noch einmal Urlaub geben lassen. Übermorgen aber hat es schon keinen Zweck mehr für sie, hier in der fremden Stadt zu sitzen. Was dann? Wohin soll sie denn?

Sie hat grenzenlose Angst vor der Einsamkeit in Berlin; sie hat Angst vor der Wohnung, in der alles an die so kurz verflossenen Zeiten erinnert. Wenn sie da in ihrem Zimmerchen sitzt, wird sie ewig auf Ernsts Schritte lauschen; bei jedem Klingeln wird sie zusammenschrecken.