Sie kann zur Großmutter fahren; die hat ihr ja gesagt, daß niemand ihr die Türen weiter öffnen wird, als sie und Großvater es tun. Gott, sie kann schließlich auch zu anderen Freunden gehen — wenn sie fühlt, daß sie unter Menschen sein muß. Aber sie denkt nur an die zwei, für die sie in all den Jahren gelebt hat, und die ihr so plötzlich genommen werden.
Warum — wodurch wurden sie ihr genommen?
Man vergißt den großen, allgemeinen Schmerz immer wieder über dem eigenen Kummer — man liest in den Zeitungen, man denkt an jene, die draußen im heißen Ringen liegen, und bringt es doch immer wieder fertig, zu sich selbst, zum eigenen kleinen Leid zurückzukehren.
Erbärmlich, daß man so ist!
Sie hebt den Kopf und fühlt sich freier; tritt zum Fenster und schaut auf den leeren Marktplatz, der vor ihr liegt. Groß und dunkel ragt die Kirche auf; davor ein Gebäude mit reichgeschmückter Fassade und zackigem Giebel. Das wird das Rathaus sein. Links davon eine Rolandsstatue, steif und hager; wirft einen langen, dünnen Schatten auf den von Gaslaternen erleuchteten Platz. Still ist’s, der Himmel wölbt sich hoch und feierlich.
Hin und wieder treten Menschen vor ein großes, rotes Plakat, das in einem schwarzen Kasten hängt, stehen eine Weile und gehen wieder auseinander. Die Pferdebahn rasselt mit Schellengeklirr und Peitschenschlag über einen Schienenstrang, der mitten über den Platz hinweg in ein enges Gäßchen führt. Aus den Fenstern der Häuser wehen Fahnen — große und kleine, und der Sommerwind bewegt sie, daß sie sich hoch aufbauschen und lautlos wieder in sich selbst zusammensinken.
Der Tag eines großen Sieges! Wie das am frühen Morgen in die Höhe gerissen hatte, um doch einen so grauen Abend folgen zu lassen!
Warum war der Abend grau? Warum ist das Herz zerrissen? Weil sie statt eines trostbedürftigen Kindes einen lustigen, gesunden Jungen vorgefunden hat! Weil der Junge es fertig gebracht hat, sich ohne weiteres in fremde Verhältnisse einzufügen, und anfängt, sich darin wohl zu befinden?
Das muß doch so sein — das ist doch wunderschön, daß es so ist! sagt ihr Verstand, aber das Herz zuckt.
Der Junge will fürs Vaterland kämpfen — muß also ein Mann werden und ist auf dem besten Wege dazu. Er war vor Wochen noch weich und schmiegsam wie ein Kind, und heute hat sie gefühlt, daß sich etwas in ihm zu härten beginnt.