Der Besuch bei der Großmutter — die aufgeregte Rückfahrt, die bange, furchtbare Nacht, die folgte, der Abschied im grauen Kasernenhof, die abziehenden Massen, die Musik, die Rede, Ernsts Karte und die Fahrt hierher, das Wiedersehen mit ihm — all das fließt jetzt in ihrem milden Kopf zu einer einzigen, schweren, traurigen Melodie zusammen. — —

Am nächsten Morgen kommt Ernst um die Mittagszeit zur Mutter. Er hat ohne viel Umstände drei Stunden Urlaub erhalten, trägt wieder die Extrauniform und sieht auch heute wohl und männlich aus.

Und doch, es ist etwas an ihm, was sie gestern vermißt hat. Eine ganz kleine Unsicherheit — etwas Hilfloses — so, als ob er gern über eine Sache sprechen möchte und könnte die Worte nicht finden. Er ist auch viel natürlicher und zärtlicher heute. Sie sitzen nebeneinander auf dem roten Samtsofa, und Ernsts Hand hat die der Mutter umspannt. Die Attila mit dem hohen Kragen zwingt ihn zu guter Haltung. Sein Kopf lehnt an ihrer Schulter.

„Es geht dir also wirklich gut, Ernst?“ fragt sie und sieht ihm in die Augen, die auszuweichen versuchen.

Er hat an diesem Morgen Unglück gehabt, ist zweimal über den Kopf seines Pferdes hinausgeflogen, und ‚Vize‘ Peters hat ihn eine volle Stunde nicht locker gelassen. Die Siegerstimmung vom gestrigen Tag ist also verflogen. Er hat geglaubt, alle Hindernisse überwunden zu haben, und ist in die Misere der ersten Tage zurückgeschleudert worden.

Das frißt an ihm — das hat seinen so hochgewachsenen Stolz verletzt.

„Ja, es gefällt mir gut!“ sagt er zur Mutter. „Es ist natürlich eine furchtbare Schinderei; aber sonst ist es wirklich schön!“

Aber wie er so neben der Mutter sitzt — ganz allein mit ihr — und wie sie ihm mit der Hand übers glatt geschorene Haar fährt und ihn auf die Stirn küßt, wird ihm weh zumute. Es ist so rauh und laut da draußen in der Kaserne. Man ist gar kein Mensch für sich — man ist eine Nummer. Alles Gute muß man sich für Geld erkaufen. Schmiert man die alten Leute, so sind sie hilfreich und freundlich. Gibt man ihnen nichts, so fangen sie an, zu schikanieren. Man hat auch gar keine Zeit zum Denken oder Lesen; man verdummt ordentlich. Nicht einmal die Kriegsberichte erfährt man — höchstens, wenn ein großer Sieg ist.

Nein — nein — nein! Ernst will nicht klagen. Ernst ist zur Mutter gekommen mit dem festen Vorsatz, ihr alles in rosigen Farben zu schildern. Er fühlt sich ja auch gar nicht unglücklich; um keinen Preis der Welt würde er dies Leben aufgeben. Aber er ist’s nun einmal gewohnt, der Mutter alles, was ihn bewegt, zu sagen. Es kommt einfach von selbst aus seinem Mund. Er weiß selbst nicht, was er sagt.

Die Mutter küßt ihn, und er legt ihr die Arme um den Hals. In ihr Herz zieht ein Glücksgefühl. Er ist also doch noch ihr Junge, dieser kleine Soldat in der bunten Uniform mit dem steifen Kragen und den hohen Reiterstiefeln!