Sie sagt nichts mehr. Vom Kirchturm schlägt die Glocke. Ein Uhr. Der kleine Husar ist hungrig. Früher hat er sich gern ein paarmal zum Essen rufen lassen; jetzt ist er es, der drängt, in den Speisesaal zu gehen.
Am ersten Tisch sitzt der alte Infanterieoberst, den Hiller nun schon kennt; vor dem macht er Front — grüßt noch nach zwei anderen Tischen hin und sitzt dann mit der Mutter in einer Nische.
Nun ist er wieder der, der ihr in den paar kurzen Wochen völlig entwachsen ist, von dem sie sich gar nicht vorstellen kann, daß er noch vor ganz kurzer Zeit mit seinen Büchern unterm Arm zur Schule schob. Ein ganz fertiger Mensch ist er, wie er so hier in seiner Uniform bei ihr sitzt. Er ißt mit demselben famosen Appetit, mit dem er gestern abend gegessen hat, und erzählt lauter lustige Dinge.
Sie sucht sich ihm anzupassen, auf seine Scherze einzugehen, aber das Weh im Herzen will nicht weichen. Heute abend oder morgen früh fährt sie fort von ihm. Er wird es kaum empfinden. Vielleicht, wenn wieder einmal eine schwache Stunde über ihn kommt, wird er ihr ein wenig zärtlich schreiben, wird um ihren Besuch bitten. Wie furchtbar schnell wird eine Mutter überflüssig für ihr Kind!
Sie denkt an die eigene Vergangenheit. Hat sie’s anders gemacht? Hat sie an der Mutter Trauer gedacht, als sie dem Mann, dem man sie nur ungern gab, folgte?
Das Herz rebelliert. Ihre Mutter hatte damals doch noch andere Kinder und hatte den Mann; hatte den großen Haushalt, in den sie hineingehörte! Sie hat aber nichts außer dem Jungen — sie hat alles hergeben müssen, was sie besaß.
„Iß doch, Mutter!“ sagt er, als er sieht, daß sie nichts anrührt. Er trinkt den Wein, den sie kommen ließ, und sie staunt wieder. Ist er immer so gewesen? So sicher in seinen Bewegungen? So groß? So selbstbewußt — — oder macht das alles nur die Uniform?
Sie hat das Gefühl, ihn zu langweilen, weil sie nichts zu sprechen vermag. Sie kommt aus dem inneren Staunen, aus der Erschütterung nicht heraus. Bleich sitzt sie und denkt an das „Morgen“, das wie eine große, graue Wüste vor ihr liegt.
Gleich nach Tisch wird der Junge von Unruhe gepackt, er will doch lieber einmal zur Kaserne zurück. Er hat zwar den bescheinigten Urlaub, aber er möchte doch nichts versäumen.
„Du bleibst doch heute abend noch, Mutter!“ Und sie nickt, ohne an eine bestimmte Antwort zu denken.