Niemand wird also mit Recht behaupten, dass verheirathete Officiere weniger Pflichtgefühl als ledige hätten. Warum sollte also die Regierung das Heirathen der Officiere erschweren? Auch fehlt jede Ursache, den Aufenthalt der Officiersfrauen in einer militärischen Colonie zu erschweren oder zu verweigern. Das »Lagerleben« ohne die gesetzlich getrauten Frauen mag für einige Officiere einen Reiz haben; die Mehrzahl sehnt sich nach des Tages Mühe und Arbeit nach dem ruhigen und gelassenen Familien- und ehelichen Leben.
Die Officiersfrauen fanden ja übrigens, wie wir sehen werden, auch in Kuta radja ihre Rechnung.
Nachdem wir in dem Hôtel uns für einige Tage eingemiethet und ich mich beim Gouverneur von Atjeh, beim Platzcommandanten und beim Spitalschef gemeldet hatte, war es Zeit zur »Rysttafel« und zur Nachmittagssiesta geworden, und um 5 Uhr machten wir unsern Spaziergang, um uns die »Königsstadt« näher anzusehen. Vom Hôtel aus sahen wir vor uns eine kleine Strasse, die »Kratonallee« mit dem Officiersclub zur rechten und der Amtswohnung des Landesingenieurs zur linken Hand. Nebstdem standen noch drei schöne Häuser aus Holz, von denen das eine für den »Garnisonsdoctor« bestimmt war und welches auch ich sechs Monate später bezog. Die beiden anderen »Häuser« wurden von dem Controleur der Hauptstadt und von dem Assistent-Resident von Atjeh bewohnt. Die Jury fand unter dem Vorsitze des Assistent-Residenten gewöhnlich in einem dieser beiden Häuser statt. ([Fig. 14].)
Diese vielleicht 120 Meter lange Allee stiess auf die Mauer des Kraton, während links ein Weg nach Pendéëti und rechts nach dem Stationsgebäude führte. Der Name Kraton[68] stammt aus der Zeit der Eroberung Atjehs durch die Holländer (1873–1874). Hier stand nämlich der Kraton (= Palast) des Sultans von Atjeh. Die ungefähr vier bis fünf Meter hohen steinernen Mauern haben zahlreiche Schiessscharten. Sein Inneres besteht gegenwärtig aus Casernen für zwei Bataillone Soldaten, zahlreichen Officierswohnungen, dem Palaste des »Gouverneurs von Atjeh«, und in der nordwestlichen Ecke stehen noch zwei steinerne Grabmäler früherer Sultane.
Die Mauern des Kraton bilden ein Quadrat und an der Südseite schliesst sich Nesuh an, welches gegenwärtig einen grossen Platz mit zahlreichen »Häusern« für Officiere und Beamte und mit einer Caserne umschliesst. Das Stacheldrahtgehege zog hinter der südlichen Front links nach Petjut mit Kirchhof und der neuen, schönen, von den Holländern erbauten Moschee ([Fig. 15]), nach Gedáh, Penájong, Pántej Perak, Kuta-Alam und Pendéeti zurück zur östlichen Mauer des Kraton und Nesuh.
Mir ist nicht bekannt, ob noch heute alle diese Vorstädte, welche damals in einem grossen Bogen den Kraton umgaben, dieses Gehege aus Stacheldraht besitzen.
In Kuta radja blieb ich ein Jahr in Garnison und hatte im ersten Halbjahre (bis 1. Februar 1887) Spitaldienst, während ich bis zum 1. August als »Garnisonsdoctor« den täglichen Krankenrapport in den Casernen halten, die Frauen, Kinder und Revierkranken behandeln und die hygienischen Zustände der militärischen Gebäude u. s. w. controliren, resp. Vorschläge zu Verbesserungen einreichen musste, welche durch die Hände des Landessanitätschefs gingen. Zur Assistenz hatte ich einen jungen Oberarzt, dem ich den Revierdienst im Kraton und in der Vorstadt Nesuh zuwies, während ich selbst die übrigen Theile der Stadt täglich besuchte; den Officieren liess ich die freie Wahl, mich oder den Oberarzt X. zum Hausarzt zu wählen. Auch allen hygienischen Fragen in dem Kraton und in der Vorstadt Nesuh musste mein junger, lebenslustiger Assistenzarzt die nöthige Aufmerksamkeit schenken, ohne darum die Vertretungen derselben gegenüber dem Landessanitätschef und dem Platzcommandanten auf sich zu nehmen. Einer meiner Vorgänger, Dr. Kobler, von dem sofort noch mehreres mitgetheilt werden muss, hatte nämlich kurz vorher so manche üble Stunde sich dadurch bereitet, dass er den »hierarchikken Weg« verliess und seine Vorschläge zur Verbesserung der hygienischen Zustände direct an den Gouverneur einreichte und dabei, oder vielmehr dadurch seine zwei unmittelbar über ihm stehenden Chefs »passirte«.
Es handelte sich nämlich um die Frage der Contagiosität der Beri-Beri, welche Dr. Kobler damals behauptet hatte, und alle seine Vorschläge der Desinfection fanden bei dem Landessanitätschef nur taube Ohren, während der General Demmeni mit der ganzen Autorität seiner Stellung eine radicale Desinfection von allen Gebäuden, allen Utensilien der Casernen und Spitäler, ja selbst aller Personen auf Vorschlag des Dr. Kobler erzwang.
Man muss sich nur die Situation vergegenwärtigen, um das Vorgehen des Dr. Kobler und des Generals Demmeni zu verstehen und zu — verzeihen. Im Jahre 1885 wurden an Beri-Beri