9. Capitel.

Der heilige Krieg — Habsüchtige Priester (= Ulamas) — Abstammung der Atjeer — Abstammung der Niasser von einem Hunde — Schwanzmenschen — Die Kunst bei den Atjeern — Die Dichtkunst der Atjeer — Derwische — Abschied von Lambaro — Mit meiner Frau im Kugelregen — Ein heikler Auftrag — „Gross-Atjeh“.

Wenn ich von den Bewohnern Atjehs ausführliche Beschreibungen bringe, mich mit ihren Sitten und Gebräuchen beschäftige, wenn ich das Gebiet der Ethnographie nicht nur streife, sondern alles mittheile, was mir während meines zweijährigen Aufenthaltes in dieser Provinz Sumatras bekannt wurde und selbst die Lücken des eigenen Wissens, mit den Beobachtungen des Gelehrten Snouck Hurgronje ausfülle, werde ich durch zwei Thatsachen dazu veranlasst. In einem Buche über Sumatra kann ja unmöglich die Ethnographie der malaiischen Völker, welche diese Insel bewohnen, gänzlich vernachlässigt werden; über die Sitten und Gebräuche der Battaken ist in deutscher Sprache schon vom Freiherrn von Brenner ausführlich gesprochen worden; auch Carthaus beschäftigt sich, wenn auch nicht gründlich, mit den Malaien dieser Insel; aber über die Atjeer sind, soweit mir bekannt ist, in deutscher Sprache noch nicht ausführliche ethnographische Beschreibungen in die grosse Menge des Volkes gedrungen. Die Atjeer sind aber das bedeutendste malaiische Volk dieser Insel und führen seit dem Jahre 1873 den Vertheidigungskrieg ihrer Freiheit gegen die Holländer; seit 28 Jahren kämpfen sie also für ihre Freiheit, und wenn es ihnen auch momentan schlecht geht, und wenn die europäischen Waffen seit drei Jahren thatsächlich eines bedeutenden Erfolges sich erfreuen, so müssen wir ihnen unsere Bewunderung ob ihrer Tapferkeit und ob ihres Muthes rückhaltlos aussprechen; sie kämpfen aber auch für ihre Religion.

Der »heilige Krieg« wird von den mohamedanischen Priestern (= den Ulamas) zu jeder Stunde in jedem Dorfe gepredigt, weil sie dadurch in den Besitz der »heiligen Kriegskasse« kommen und sie ihren eigenen Unterhalt daraus hinreichend bestreiten können, ohne arbeiten zu müssen; das »Sabil-Geld« hört auf, in die Kriegskasse zu strömen, wenn keine »Kafirs« zu bekämpfen sind. Die Atjeer sind ein ackerbautreibendes Volk ([Fig. 21]) und lieben den Frieden; die Ulamas aber wollen herrschen, wollen Einfluss, Macht und Geld erwerben, und dazu bietet ihnen der heilige Krieg reichlich Gelegenheit; denn die Fürsten, die Ulèëbalangs haben nur in ihrem eigenen Lande Macht über ihre Unterthanen, und die Erfüllung der Unterthanenpflicht bringt nur irdische Ruhe und Friede; Gehorsam gegen den Priester schafft aber auch himmlische Freuden und ewige Seligkeit. Sowie auf Java und auf den übrigen Inseln des indischen Archipels die grosse Menge des Volkes nicht nur den Frieden, sondern auch die Oberherrschaft der holländischen Regierung zu erreichen oder zu erhalten wünscht, weil es unter ihrem Scepter der persönlichen Sicherheit sich erfreuen kann, und für seinen Büffel, für seine Frau und seine Tochter nichts zu fürchten hat, während sein eigener Fürst Despot ist und bleibt, so sind es in Atjeh neben den Fürsten auch die Priester, welche das Volk unter allen möglichen und unmöglichen Vorwänden aussaugen. Dazu kommt noch, dass die grosse Masse der Atjeer nur durch die Suggestion der Ulamas strenggläubig ist und als Mohamedaner[77] jeden Andersgläubigen als Kaphe = Kafir verachten, verfolgen und vertilgen muss. Dies ist der grosse Motor, welcher einen 25jährigen Guerillakrieg möglich machte. Die Strategie kennt der Atjeer ebensowenig als der Javane, der Dajaker oder der Alfure; sie legen keine Magazine an und, nur um ein Beispiel anzuführen, können niemals 1000 Mann länger als 14 Tage beisammen bleiben; den Reis, den sie selbst mitnehmen, haben sie in einigen Tagen aufgegessen; die Vorräthe des Landes sind für eine plötzliche Zunahme der Bevölkerung von 1000 Mann nicht berechnet — der Hunger zwingt sie wieder nach Hause zu gehen; der kleine Krieg jedoch befriedigt den religiösen Hass der Zeloten, giebt den ruhelosen Faulenzern, den durch Spiel, durch die Päderastie und durch den Genuss des Opiums verarmte Bauern nicht nur Gelegenheit, durch Raub und Mord im Lande des Feindes Gut zu erobern, sondern auch Ruhm und Ehre durch den Kampf gegen die Kafirs zu gewinnen.

Fig. 22. Niasser auf dem Marsche.

([Vide Seite 176].)

Andererseits trägt aber auch Holland grosse Schuld an diesem langwierigen Guerillakriege; das ewige und ewige Schwanken in der Politik und in der Art der Kriegführung zieht wie ein rother Faden durch die Geschichte dieses Krieges. Holland muss Herr von Atjeh werden und will es sein, weil nur dann Frieden und Ruhe unter den zahlreichen Fürsten des Landes herrschen, die Priesterherrschaft gebrochen werden, Wohlfahrt ins Land kommen und der Seeraub in der Strasse von Malacca und im ganzen Archipel für immer und ewig beseitigt bleiben kann. Dazu gehört aber auch der gute Wille, dem Guerillakrieg ein Ende zu machen, und dieses ist nur dann möglich, wenn Holland sich zu einer grossen That aufrafft.


Die Urbewohner der Insel Sumatra sowie auch der Provinz Atjeh sind unbekannt; als im vierten Jahrhundert die grosse Völkerwanderung von Indien sich über die Inseln des indischen Archipels ergoss, haben wahrscheinlich die Hindus sich auch in Sumatra angesiedelt.