Nach Müller war ja den Chinesen Sumatra schon im neunten Jahrhundert bekannt und schon im zwölften Jahrhundert besuchten arabische Kaufleute diese Insel und zwar die Ostküste von Atjeh. Beim Diamantencap befand sich damals der Kampong Samudra (5° 15′ N. B.), und die ersten arabischen Seefahrer nannten ihn Schamatra und nach ihm die ganze Insel Sumatra, und als 1290 Marco Polo als erster Europäer dort landete, nahm er den Namen an, ohne dass die Eingeborenen selbst jemals und ich glaube auch heute noch nicht einen Namen für die ganze Insel kennen. (Einem russischen Bauern wird der Collectivname Europa auch nicht sehr geläufig sein.)
Ob die eingewanderten Hindus Urbewohner gefunden und sich mit ihnen vermischt haben, ob diese verdrängt wurden oder überhaupt vielleicht nicht einmal sich dort befunden haben, lässt sich bei dem heutigen Stande der Wissenschaft noch nicht behaupten; sofort werden wir sehen, dass die Atjeer keine reine Rasse bilden; aber wenn man sie auch der malaiischen Rasse unterordnen muss, so haben sie dennoch Anspruch auf eine eigene Klasse in dieser Menschenfamilie; sie sind grösser und stärker als die übrigen Malaien dieser Inselgruppe. Schon während meines Aufenthaltes in Seruway, also an der S.-O.-Grenze von Gross-Atjeh, fiel mir der Unterschied zwischen den Atjeern und den Bewohnern der »Ostküste« auf. Natürlich ist ihnen die braune Iris und Hautfarbe, das glatte Haar, der stark ausgebildete Oberkiefer und das hervorstehende Jochbein eigen; aber sie sind durch ihren schlanken Wuchs, durch ihre kräftige Musculatur, durch ihr sicheres und selbstbewusstes Auftreten mehr den heutigen Klingalesen als den Malaien ähnlich, ohne jedoch ein so schön geformtes Gesicht wie jene (Klingalesen) zu haben. Die Klingalesen sind übrigens noch heute ein bedeutender Bestandtheil dieses Volkes; vielfach haben sich auch Perser und Araber, Malaien und Javanen, Buginesen (aus den Molukken) hin und wieder im Laufe der Jahrhunderte dort angesiedelt und sich mit ihnen vermischt. Häufig wurden von der Insel Nias die durch ihre Schönheit berühmten Frauen als Sklavinnen nach Atjeh gebracht und haben als Kebsweiber die atjeeische Rasse geradezu verschönert. Die Sklaven, welche von den Battakern abstammten, waren zahlreich genug, um ebenfalls Einfluss auf die Rasseeigenthümlichkeiten des atjeeischen Volkes genommen zu haben. Sein nationaler Stolz sah freilich in diesen beiden Stämmen Menschen von inferiorer Rasse, und sie lassen die Niasser bald von einem männlichen, bald von einem weiblichen Hunde abstammen. (Auch auf Java erzählt die Sage, dass eine Fürstin eines Tages ihren Knäuel fallen liess und das Gelübde that, jenen zum Manne zu nehmen, der ihr den Knäuel aufheben werde; dies that ein Hund, und sie nahm ihn zum Ehegemahl an.)
Ich muss noch bemerken, dass auch von Singapore chinesische Frauen und von Mekka arabische Frauen als Sklaven importirt wurden, um natürlich im Laufe der Zeit zu einem, wenn auch kleinen Bestandtheil der atjeeischen Bevölkerung sich zu entwickeln.
Jene Fürstin jedoch, welche auf Nias von einem Hund einen Sohn erhielt, der der Stammvater der Bewohner dieser Insel gewesen sein soll, war von Atjeh wegen einer garstigen Hautkrankheit dahin verbannt worden. Sie war das einzige menschliche Wesen dieser Insel, und als ihr Sohn erwachsen war, wollte er heirathen. Sie gab ihm also einen Ring und liess ihn auf die Wanderung gehen; die Frau, welcher der Ring passen würde, sollte seine Ehegenossin werden; nach langer Wanderung hatte er niemand gefunden, dem dieser Ring gepasst hätte, als seine Mutter. Er heirathete sie, und aus dieser Ehe sollen die Bewohner von Nias abstammen.
Auch die Battaker stehen bei den Atjeern nicht hoch angeschrieben, denn sie werden von ihnen »Schwanzmenschen« genannt; dies wird wohl die Ursache sein, dass auch auf Sumatra (wie auf Java und Borneo) die Existenz von »Schwanzmenschen« angenommen wurde. Wenn selbst die Anatomen und Physiologen (ich will nicht von den Anthropologen und Ethnographen sprechen) sich mit den Schwanzmenschen wissenschaftlich beschäftigen und Erklärung und Beschreibungen dieser Menschen bringen, so kann nur diese Verschwendung von Zeit und Mühe bedauert werden; die Schwanzmenschen als Rasse oder als Volksstamm existiren auf keiner der drei genannten Inseln. Einzelne Individuen, welche ein Hauthorn (cornu cutaneum) am Ende der Wirbelsäule haben, mögen natürlich überall gefunden werden, ich selbst[78] sah ja einen javanischen Soldaten mit einem solchen Gebilde der Haut am Ende des Steissbeines; es besass aber keinen Wirbel und musste daher als einfaches Hauthorn diagnosticirt werden. Ja noch mehr. Mehr als 120 Fälle von »Schwänzen« wurden von Bartels, Schäfer, Virchow, Henning, Räuber, Fleischmann, Gerlach u. s. w. beschrieben, bei denen die betreffenden Gebilde entweder keine Schwänze sein konnten, weil ihnen die wichtigsten und charakteristischen Bestandtheile eines Schwanzes fehlten, oder — wie der zweite Fall bei Virchow, wo das betreffende Individuum selbst zwischen den Schulterblättern ein zweites ähnliches Gebilde besass — entsprachen durch den Sitz des Auswuchses nicht dem Wesen eines Schwanzes.[79] Ich kann natürlich an dieser Stelle die Beweise für diese Behauptungen der Anatomen Zuckerkandl und Zernoff nicht wiederholen; aber ich weiss, dass auf den drei grossen Sundainseln das Wort »Schwanzmensch« als Schimpfwort für die primitiven Gebirgsbewohner gebraucht wird, dass dieses Schimpfwort die erste Ursache von der Annahme der Existenz solcher primitiven Menschen war, und ich kann heute mit aller Bestimmtheit behaupten: Die Existenz der Schwanzmenschen als Volksstamm auf Sumatra, Java und Borneo muss in’s Reich der Fabeln und Legenden verwiesen werden.
Die Atjeer sind, wie wir sahen, Mohamedaner; daher ist die Kunst gewiss nicht ihr Schoosskind; ich kann mich aber nicht dem Ausspruch des holländischen Gelehrten Snouck Hurgronje anschliessen, dass »ihr Kunstsinn sehr gering oder bis jetzt beinahe ganz latent sei«.[80] Offenbar legt dieser grosse Kenner des atjeeischen Volkes einen europäischen Maassstab oder den des continentalen Indien diesem Ausspruche zu Grunde. Unter den Bewohnern des indischen Archipels nehmen sie in der Kunst einen hervorragenden Rang ein. Ich sah in den Haaren der atjeeischen Frauen in Filigran gearbeitete Haarnadeln, welche jede Modedame zu besitzen wünschen würde; ich besitze Broschen und Nadeln für Kabajen, welche meiner Frau ein ebenso willkommener Schmuck waren, als ob sie von dem ersten Goldschmiede Wiens geliefert worden wären. Ihre Sarongs, aus Seide und mit Goldfäden durchzogen, sind geradezu kostbare Webestücke.
Ich besass einen Dolch (röntjong), dessen Handgriff aus Horn geschnitzt und mit Gold und Silber reichlich verziert war. Ich sah genug solche Waffen, um mir das Urtheil zu erlauben: Die Atjeer sind Künstler im Verfertigen dieser Waffen.
In der Steinhauerei zeigen sie thatsächlich Kunstsinn; wenigstens die Grabsteine haben hübsche Figuren auf der oberen Seite, und die ganze Form ist eine regelmässige, selbst edle zu nennen; es sind Prismen von 4–6–8 Flächen, welche an der Basis schmaler als an der Spitze sind; der europäische Geschmack kann diese Form vielleicht als »nicht schön« verurtheilen; aber »Kunstsinn« darf diesen Arbeitern nicht abgesprochen werden. Hinter dem Kraton steht ein eigenthümliches Gebäude, welches von den Atjeern Tanam = »Lusthof« genannt wird; man könnte es seiner Form nach einen künstlichen Berg nennen; schön ist es gewiss nach europäischer Aesthetik nicht zu nennen; aber es verkündet mit lauter Stimme, dass die Atjeer Kunstsinn haben oder wenigstens hatten.
Die Musik wird von ihnen ebenfalls gepflegt und gehegt; man darf natürlich keinen europäischen Maassstab bei der Beurtheilung ihrer Musik anlegen; aber ich kann es aus eigener Erfahrung behaupten, dass sie ihrer Haröbab (= Violine) so wehmüthige Klänge zu entlocken wissen, als der Zigeuner seiner Violine; ich erinnere mich einer Theatervorstellung auf Java, bei welcher der unglückliche Fischer dem erschienenen Fürsten der Unterwelt sein Leid klagte, dass alle seine Arbeit ohne Erfolg bleibe; die malaiische râbab begleitete hinter den Coulissen sein Flehen und Bitten um reichlicheren Fischfang; es waren wirklich rührende und ergreifende Töne, welche an mein Ohr drangen (vide [Anhang]). Die Zahl der Musikinstrumente (vide [Seite 157]) ist ja gross genug, um damit kleine Kapellen zusammenzustellen, wie es thatsächlich ihre Barden täglich thun.