Die Malerei hat bei den Atjeern bis jetzt ganz brach gelegen, wie überhaupt alle malaiischen Stämme diese Kunst nur in ihren primitivsten Elementen ausüben. Der javanische Maler Rhaden Salem[81] ist und bleibt vorläufig eine Ausnahme.
Die Dichtkunst steht bei den Atjeern ziemlich hoch, obzwar viele Dichtungen nur mündlich sich fortpflanzen und erst durch äussere Veranlassungen zu Papier gebracht werden; viele sind in malaiischer und vielleicht ebenso viele in arabischer Sprache und nur einige in der Sprache des Landes verfasst. Die zahlreichen Märchen und Erzählungen (= hababs) werden wie die zahlreichen Sagen und Legenden, wie z. B. »der kleine Hirsch oder der Eulenspiegel« (nach dem arabischen Chodjah Naçr addin) oder der Fürst Beo (die indische Elster) oder »der gespaltene Stein« bei dem Scheine einer Damar oder einer kleinen Petroleumlampe ebenso häufig erzählt, als der Hausvater den Inhalt von malaiischen oder arabischen Erzählungen oder grösseren Heldengedichten als Selbsterlebtes und Selbstgesehenes seinen Kindern mittheilt.
Die Zahl der Gedichte ist jedoch sehr gross; in erster Reihe stehen die Minnelieder = Pantons, welche sich nur wenig von den im ganzen Archipel üblichen malaiischen Liebesliedern unterscheiden. Die Hikajats sind grössere Gedichte mit lyrischem Charakter, in welchen oft genug auch kleine Erzählungen eingeschlossen sind, und sie fangen immer mit einem Loblied auf Gott und seinen Propheten an; selbst den Humor findet man nicht selten in einem Hikajat vertreten, z. B. in der Pferdesage (Hikajat guda). Ein altes Pferd wird geschlachtet und unter Bekannte vertheilt; jeder benutzt seinen Theil nach Belieben. Der Schweif wird zu einem Chignon verarbeitet; der andere macht aus der Rippe ein Schwert, und eine alte Frau erhält den Penis, den sie sich vergebens bemüht, durch Kochen gar zu bekommen. Es giebt auch viele rein epische Hikajats, welche geradezu einen hohen literarischen Werth haben, so z. B. das Epos »Malém Dagang«, welches die Eroberung Malaccas unter Alexander dem Jüngeren im 17. Jahrhundert behandelt. In dem Heldengedichte Hikajat Prang Kompöni sehen wir das Entstehen und die Entwicklung eines nationalen Epos im Volke der Atjeer, und es giebt uns vielleicht ein lehrreiches Beispiel für die Entstehung der Iliade, Odyssee und Aeneide. Ihr Freiheitskrieg gegen die Holländer wird in einem Gedicht von Abdulkarim besungen, der nicht einmal lesen oder schreiben konnte, und mündlich pflanzt das Gedicht sich fort und wird immer und immer verändert; nur wenige Bruchstücke werden zu Papier gebracht, und erst dem holländischen Gelehrten Snouck Hurgronje blieb es vorbehalten, das ganze Gedicht durch den Druck der Nachwelt zu erhalten.
Natürlich giebt auch das Leben der Heroen und Götter der indischen Mythenwelt einen reichlichen Stoff zu zahlreichen Hikajats, so wie auch die Thierfabeln eine grosse Rolle in der atjeeischen Literatur einnehmen; zur Zeit Thoelojmans (= Salomon) haben ja die Thiere die Sprache besessen, so dass dieser Prophet sehr leicht ihre Sprache verstehen konnte.
Die dramatische Kunst hat in Atjeh gar keine Vertretung, es sei denn, dass man analog den Mysterien, Officien, Moralitäten, Passionsspielen u. s. w. des mittelalterlichen Europas gewisse Spiele der Atjeer als gleichwerthige Anfänge eines zukünftigen Dramas ansehen will. Diese Spiele, Ratébs genannt, werden von Snouck Hurgronje »nicht mehr oder weniger als Parodien auf gewisse religiöse Uebungen« genannt. Laut werden einzelne Dogmen unter forcirten Bewegungen des Körpers ausgerufen, und in den Pausen werden einige profane Liebeslieder (= Nathib) gesungen. Aus diesen religiösen ratébs entwickelten sich im Laufe der Zeiten die ratébs tädatti, welche einen schon mehr prononcirten dramatischen Charakter tragen. Zwei junge Knaben werden in die schönsten Frauenkleider gehüllt ([Fig. 20]) und treten mit ihren Brodgebern, den »älteren Brüdern« (auf jeder Seite 15–20 Mann) auf, um im Zwiegesang und unter anmuthigen Bewegungen des Körpers einen Wettstreit zu halten. In Fragen und Antworten besprechen sie religiöse, politische, sociale, alltägliche und wissenschaftliche Fragen, und wer die anmuthigsten, gut einstudirten Bewegungen zeigt und den besten Rhythmus im Gesange hält, ist Sieger im Ratéb, und wer die besten Erzählungen und die besten Witze in den Pausen bringt, ist Sieger im Nathib.
Dazu gehören gewiss auch die Vorstellungen der Derwische, welche, wie Snouck Hurgronje ausführlich beschreibt, jeden Freitag stattfinden. Die »Brüder« stellen sich in zwei Reihen auf und begrüssen ehrerbietig den Gurée, d. i. den Leiter der Aufführung. Dieser beginnt mit dem Vaterunser der Mohamedaner (Fa Tihah) und fährt mit einigen Ratébs fort, welche in einem eigenthümlichen Tone unter Begleitung eines Orchesters (rapai) und unter leichten Bewegungen des Körpers aller Derwische gesungen werden. Diese Bewegungen werden nach und nach stärker, die Stimmen lauter, die Tamburins werden stärker und stärker geschlagen und geschüttelt; wenn die ganze Schaar beinahe eine rasende Heerde geworden ist, springt einer auf, fasst eine Waffe oder eine glühende Kette und schwingt sie nach allen Seiten und trifft bald diesen oder jenen Theil seines Körpers; hin und wieder zeigt eine Wunde mit dem herabströmenden Blute, dass diese Derwische nicht so unverwundbar seien, als sie gewöhnlich behaupten, es zu sein.
Nur ungern verlasse ich dies Thema, weil die Dichtungen im Volke der Atjeer den Ethnographen eine reiche Quelle für ihre vergleichenden Studien bieten. Wer den Einfluss der Araber und der Hindus auf die Sitten und Gebräuche aller malaiischen Völker des indischen Archipels studiren will, kann und darf die Literatur dieses Volksstammes nicht vernachlässigen, von welchem Snouck Hurgronje (geboren 8. Februar 1857 in Oosterhout) in seinem grossen Werke »Die Atjeers« eine ausführliche ethnographische Beschreibung gebracht hat.
In der ersten Woche des Monats August 1888 erhielt ich von befreundeter Seite in Kuta-radja die officiöse Nachricht, dass ich mit »erster Gelegenheit« Atjeh verlassen müsse, weil ich bereits zwei Jahre in dieser Garnison verweilt habe, ohne dass ich den »Wunsch geäussert hätte, in Atjeh zu bleiben«. Es sind nur wenige Officiere, welche sich dazu entschliessen, um eine Verlängerung ihres Aufenthaltes in dieser Garnison zu ersuchen. Die reglementär festgesetzte Dauer war damals für ledige Officiere und für Strohwittwer vierzehn Monate und für verheirathete Officiere zwei Jahre. Abgesehen von den günstigen pecuniären Verhältnissen fesselte damals nur weniges den Officier an die Garnisonsplätze Atjehs.