Der Ehrgeiz, in einer grossen Feldschlacht sich auszeichnen zu können und den Wilhelmsorden zu erhalten, fand nur selten Gelegenheit, befriedigt zu werden; im »kleinen Kriege« wird diese schöne Auszeichnung selbstverständlich nur wenigen zu Theil und dann nur — wenn sie sich der Protection zu erfreuen wussten; ich hatte zwei Mal »im Feuer verbunden«, ohne dass ich nur ein anerkennendes Wort dafür erhalten habe. Nun ist es richtig, dass die Statuten dieses Ordens auch eine persönliche Bewerbung unter Anhörung von Zeugen seiner Heldenthat gestatten; da ich jedoch mir bewusst gewesen war, meine Pflicht und nichts als meine Pflicht gethan zu haben, kam mir der Gedanke, mich um diesen Orden zu bewerben, nicht einmal in den Sinn und — der Landessanitätschef hat aus eigener Initiative auch nichts gethan.

Was die günstigen pecuniären Verhältnisse betrifft, waren sie ja für den Militärarzt von untergeordneter Bedeutung. Ich erhielt nämlich 1200 Fl. jährlich Quartiergeld, ohne für die Wohnung etwas bezahlen zu müssen; aber ich hatte (wenigstens auf Lambaro) keine Civilpraxis, während in den meisten übrigen Garnisonen des indischen Archipels der Militärarzt Gelegenheit hat, oft das Drei- bis Vierfache pro Jahr durch die Civilpraxis zu verdienen. Diese Triebfeder, auf Atjeh zu bleiben, bestand für mich also nicht.

Im übrigen waren ja die äusseren Verhältnisse so ungünstig als möglich. Das Leben in den Tropen mit allen seinen Entbehrungen, mit allen seinen Gefahren für meine und meiner Frau Gesundheit, das Leben in einem kleinen Fort mit allen seinen Beschränkungen im täglichen Leben, mit allen seinen Aufregungen, mit allen seinen Gefahren und mit seiner Monotonie forderte von meinen Nerven so viel, dass das Gefühl der Erleichterung mich bei der Nachricht beseelte, endlich Atjeh verlassen zu können.

Noch bei meiner Abreise von Lambaro sollten ich und meine Frau in unangenehmer Weise ein uns zugedachtes Andenken erhalten.

Mein Nachfolger war mit dem Morgenzug von Kuta-radja angekommen, hatte meine Möbel übernommen, und um 11 Uhr begab ich mich, begleitet von dem »Liniencommandant«, dem damaligen Major Schneider, zum Bahnhofe. Wir hatten noch keine 25 Schritte zurückgelegt, als aus dem nahegelegenen Schilfrohr ein Kugelregen uns überfiel; wir mussten uns in die Cantine flüchten. Endlich stellte der Feind seine Schiessübungen ein, ohne nur einen von uns getroffen zu haben, und wir eilten so rasch als möglich zum Bahnhofe und bestiegen sofort die Waggons, welche mit dicken Panzern gegen die feindlichen Kugeln geschützt waren.

Denselben Abend gab der Landessanitätschef in Kuta-radja uns beiden zu Ehren ein Abschiedsfest, und den anderen Morgen verliessen wir mit dem »General Pel« diese Garnison, und jene Gespenster, welche bei unserer Ankunft ihr graues Haupt über den Rand des Horizontes uns drohend zugewendet hatten, sanken trostlos in die Tiefe der glatten und ruhigen See. Mit heiler Haut waren wir den meisten Gefahren entronnen, welche uns während des zweijährigen Aufenthaltes in Atjeh bedroht hatten. Nur die Beri-Beri hatte mich ergriffen. Beim Verlassen der Insel war jedoch nur die Herzaffection zurückgeblieben; jede körperliche oder geistige Anstrengung brachte meinen Puls auf 120–130 Schläge in der Minute.

Unsere Reisegesellschaft war nicht gross; der »General Pel« war ein alter Dampfer, welcher uns auf der Reise noch manche unangenehme Augenblicke verschaffen sollte.

Zunächst hatte ich in Analabu[82] eine heikle Aufgabe zu lösen.

Hier lag eine Compagnie Soldaten unter dem Commando eines Hauptmanns in Garnison. Da dieser Küstenplatz mitten im Sumpfe lag, war die Garnison immer und immer vom Fieber heimgesucht, und ein steter Wechsel der Bemannung war dringend nöthig; die Officiere wurden reglementär nach 3 Monaten von dort abgelöst; natürlich konnte im Nothfalle mit jedem Schiffe, welches zwei mal im Monat dort landete, eine Evacuation stattfinden. Uebrigens lag ein Kriegsschiff im Hafen, welches in der Zwischenzeit in aussergewöhnlichen Fällen von Kuta-radja Hülfe holen konnte.

Der Oberarzt war seit vier Wochen dieser Compagnie zugetheilt und hatte sofort nach seiner Ankunft das Wechselfieber bekommen und mit erster Gelegenheit den Landessanitätschef in Kuta-radja per Brief ersucht, ihn von Analabu ablösen zu lassen. Warum der Oberstabsarzt Y. nicht sofort einen Arzt dahin schickte — und wäre es nur um diesen Collegen behandeln zu können —, dies war mir nicht bekannt; auch überraschte mich nicht wenig der geheime Auftrag, den ich von ihm bei meiner Abreise erhielt. Ich sollte in Analabu an das Land gehen und den dortigen Garnisonsdoctor X. untersuchen. Nach meinem Ermessen sollte ich dann entweder den Befehl zurücklassen, mit nächster Gelegenheit Dr. X. nach der Hauptstadt zu evacuiren, oder aber den Oberarzt B. zurücksenden, welcher mir mitgegeben wurde, um eventuell den Dienst vom Garnisonsdoctor X. zu übernehmen.