Den 21. August erschien unser Dampfer in dem Hafen von Analabu, und ein Boot des Kriegsschiffes brachte die ganze Reisegesellschaft an das Land. Sofort liess Dr. X. sein Gepäck auf unsern Dampfer bringen. Ich habe selten so ungünstige sanitäre Zustände gesehen als damals zu Analabu. Alle Soldatenfrauen, welche mir entgegenkamen, waren kachektisch mit einem Stich ins gelbliche. Die Soldaten selbst sahen weniger ungünstig aus, wenn auch nur wenige sich einer vollkommenen Gesundheit erfreuten. Der besten Gesundheit erfreute sich — Dr. X. Er theilte mir mit, dass die Fieberanfälle sich jeden Morgen um 6 Uhr einstellen. Bei meiner Untersuchung fand ich eine Körpertemperatur von 37.2; die Leber war nicht vergrössert, die Milz war unter dem Rippenbogen palpabel; aber für ein periculum in mora fand ich kein Symptom. Wir blieben drei Stunden in Analabu, während welcher Zeit in seinem Zustande keine Veränderung eintrat. Meine Instruction lautete, nur im Nothfalle Dr. X. zu evacuiren. Dieser lag nicht vor. Späterhin habe ich mir sehr oft darüber die schwersten Selbstvorwürfe gemacht; wenn durch einen unglücklichen Zufall das Wechselfieber diesen jungen Collegen in Analabu dahingerafft hätte, wäre ich vielleicht zur Verantwortung gezogen worden. Es ist glücklicher Weise anders gekommen; Dr. X. blieb drei Monate in Analabu, und drei Jahre später wurde er nach Tjilatjap, dem grössten Fieberherde Javas, geschickt, um mich zu evacuiren, weil ich nach einem Aufenthalte von einem Jahre der Malaria zu erliegen drohte.

Als ich in Analabu die Garnison so fürchterlich von der Malaria heimgesucht sah, dass mit Ausnahme einiger Soldaten alle übrigen wie Gespenster mir entgegentraten, wandte ich mich an den Commandanten des Forts, der gleichzeitig mit der Leitung der »politischen Agenden« betraut war, mit der Frage, ob es denn gerechtfertigt sei, in eine solche Pesthöhle eine Garnison zu legen und zu erhalten und die Gesundheit und das Leben so vieler Menschen dem Moloch Malaria jährlich zu opfern!

»Ja der Besitz von Colonien heischt Opfer, viele Opfer,« erwiderte mir dieser Hauptmann, der schon vier Jahre, sage vier Jahre hintereinander in dieser Mördergrube gelebt hatte und dabei einer ziemlich guten Gesundheit sich erfreute; »aber sie sind unvermeidlich. Wie lange ist es her, dass in nächster Nähe ein dänischer Schiffscapitän mit seiner Frau von den atjeeischen Seeräubern gefangen wurde und ein Lösegeld von 30000 Dollars bezahlt werden musste. Dieser Betrag soll nun von Bewohnern der betreffenden Küstenplätze zurückerstattet werden; dies muss geschehen, weil sie sonst glauben würden, in Zukunft ungestraft solche Raubzüge ausführen zu können. Um diesen Betrag jedoch erhalten zu können, wurde ein Ausfuhrzoll auf Pfeffer und auf die andern Exportartikel des Landes gelegt. Das Land ist ja reich; die üppige Tropennatur spendet reichlich ihre Gaben; hier an der Küste ist allerdings eine Sumpfvegetation; aber schon wenige Paalen (1 Paal = 1½ km) hinter dem Fort erhebt sich das Terrain zu sanft aufsteigenden Bergen mit einem sanften herrlichen Klima; Pfeffer, Reis, Tabak, Kapok, Kampfer, Guttapercha, reiches Bauholz, Rottang, Betelnuss, Bambus, Seide, Goldstaub, Benzoe, Salz, Schwefel, Damar (Harz), Pferde, Büffel, Ziegen und Fische können unter dem friedlichen Scepter der holländischen Regierung für die Bewohner des Landes eine ergiebige Quelle zur Schaffung eines nationalen Reichthums werden. Dazu gehört aber in erster Reihe Sicherheit des Lebens und des Eigenthums der Ansiedler und jener Atjeer, welche dem Handel oder dem Ackerbau sich widmen wollen. Dafür ist aber eine bewaffnete Macht unerlässlich. Vorläufig kann diese nur an der Küste ihren Sitz haben; im Laufe einiger Jahrzehnte werden die Bergbewohner und vielleicht sogar die im Innern des Landes hausenden »Gajustämme« den Vortheil erkennen, welchen die holländische Regierung mit Bezug auf Sicherheit des Lebens und Eigenthums schafft; sie werden uns um Schutz und Hülfe bitten, sie werden aus ihrer isolirten Lage herabsteigen, sie werden ihr Land d. h. das Innere Atjehs uns eröffnen, und ich zweifle nicht, dass am Ende des 20. Jahrhunderts Atjeh ebenso blühend, ebenso reich bevölkert und ebenso civilisirt sein wird als irgend eine Residentie der Insel Java oder sogar als irgend eine Provinz des heutigen grossen Moffrika.«[83]

Die Dampfpfeife gab das Signal zur Abreise, und mit den Worten Amin, Amin! besiegelte ich den frommen Wunsch und dankte ihm für die instructiven Mittheilungen und für seine gastfreundschaftliche Bewirthung und bestieg das Boot, welches mich wieder auf den »General Pel« brachte.

Den nächsten Morgen passirten wir die Schweinsinsel (Pulu Babi) und die äusserste Spitze der Westküste von »Atjeh und Vasallenstaaten«[84] (onderhoorigheden). Diese Provinz ist 9666 ☐Meilen gross und hat ungefähr 540000 Einwohner, worunter sich 328 Europäer und 3933 Chinesen befinden (im Jahre 1897). Das eigentliche Atjeh, oder, wie es officiell genannt wird, »Gross-Atjeh«, hat seine Grenzen in einem Dreiecke (= Tiga Sagi), welches die Atjeer selbst mit einer Futterschwinge vergleichen. Die Basis dieses Dreieckes durchzieht den Norden Sumatras in einer Linie, welche an der Ostküste bei Pedir beginnt und an der Westküste bei 4° 50′ N. B. bei Pulu radja (= Königsinsel) endigt. Die ganze »Residentie Atjeh und Vasallenstaaten« hat ebenfalls eine dreieckige Form, deren Basis von der Mündung des Tamiangflusses an der Ostküste bis zum Vorgebirge Tjalo Batóe in einer krummen Linie zieht. Das Innere dieser Provinz wird von Wilden bewohnt, welche als Bewohner der Gaju-Länder und der Alaï-Länder bis vor kurzem nur dem Namen nach bekannt waren. Von ihren Sitten und Gebräuchen oder von ihrem socialen und gesellschaftlichen Leben ist bis jetzt so wenig zur Kenntniss der Fachleute gelangt, dass ihr Gebiet noch eine terra incognita genannt werden muss.


»Gross-Atjeh« soll im Jahre 1205 (601 der Hedschra) von einem Araber gegründet worden sein, der nach Sumatra kam, um den Islam zu predigen, in Atjeh heirathete und als Sultan Djohan Schah 30 Jahre über Atjeh regierte. Erst im Jahre 1599 (21. Juni) landeten hier zum ersten Male holländische Kaufleute unter Cornelis und Frederik de Houtman, und schon zwei Jahre später (1601) gingen zwei atjeeische Fürsten nach Holland, um dem Prinzen Mauritz zu huldigen. Im Jahre 1616 zwang der Sultan Iskander (= Alexander) Muda die Holländer, die Factory abzubrechen und vertrieb sie sogar von Padang. Im Jahre 1641 eroberten sie Malacca, und nach dem Tode des Sultans Iskander Tsami kamen vier weibliche Sultane an die Spitze des atjeeischen Reiches, und eine derselben mit dem Namen Tadju-l-alam wollte einen Holländer heirathen und zum Mitregenten annehmen.

Alle seefahrenden Nationen haben seit dem Bestehen des Reiches abwechselnd ihr Glück hier gesucht, bis endlich 1824 England definitiv seinen Besitz an Holland abtrat. Am 30. März 1857 schloss Holland mit dem Sultan von Atjeh einen Vertrag auf dem Fusse der meistbegünstigten Bundesgenossen, und als trotz wiederholter Ermahnungen dieser Vertrag nicht gehalten wurde, erklärte am 26. März 1873 Holland den Krieg an Atjeh, welches, wie wir schon sahen, nominell einen Sultan hatte, der zur Zeit meiner Anwesenheit Sultan Alaédin Muhamat Dawot Tjah hiess und in Kamala als Flüchtling lebte.

10. Capitel.

Auf einem alten Dampfer — Die Insel Nias — Niasser — Niasser und Dajaker — Ein gefährliches Landen — Oel glättet die stürmischen Wogen — Schmutzige Fiaker — Ein Haudegen — Die Engländer in Padang — Vortheile eines hölzernen Hauses — Padang ist ein grosser Garten — Malaiische Silberarbeiten — Das Zodiakallicht — „Der Culturzwang“ — „Das Gouvernement der Westküste Sumatras“ — Der Padrikrieg.