Auf dem »General Pel« schien so manches nicht in Ordnung zu sein. Schon in der Nähe der Insel Babi[85] erschien der erste Maschinist so oft auf dem Deck, um dem Schiffscapitain dienstliche Mittheilungen zu machen, dass wir etwas unruhig wurden. Im scherzenden Tone theilte uns dieser mit, dass wir alle Aussicht hätten, wegen eines Defectes der Maschine steuerlos den Wellen uns anvertrauen zu müssen, welche uns sicher und gewiss auf die Insel Nias bringen würden, und dass wir in höchstens 2 Tagen als saftiger Braten dem Radja von Nias vorgesetzt werden würden. Den scherzenden Worten lag aber ein Gran Wahrheit zu Grunde; das Schiff neigte sich immer mehr und mehr auf die Backbordseite. Wir hatten bereits die Grenze Atjehs überschritten und passirten die Provinz Trumon und sahen im Hintergrunde die Spitzen der Berge Trumon und Kokohan und steuerten beinahe in gerader Richtung auf die vor uns liegenden »Zahlreichen Inseln« (Pulu banjak) zu. Hier endlich theilte uns der Schiffscapitain mit, dass in einen der Kessel ein Leck gekommen sei, und dass wir daher mit halber Kraft fahren müssten. Gefahr sei keine vorhanden; er sei jedoch bereit, auf eigene Verantwortung in Singkel zu landen, »wenn die Passagiere Furcht hätten«. Ich wusste natürlich, dass dieser Vorschlag nicht ernst gemeint war, weil jeder Schiffscapitain den Auftrag hat, so schnell als möglich seinem Ziele zuzusteuern; aber als Sprecher aller Passagiere glaubte ich ihm folgende Frage vorlegen zu müssen: »Singkel ist berüchtigt durch seine schweren Sumpffieber. Der Aufenthalt von einigen Stunden in diesem Hafen sei hinreichend, die Malaria zu acquiriren«; ich müsste ihn also fragen, was er für seine Person für bedenklicher halte: Mit der defecten Maschine weiter zu fahren oder einen halben oder einen ganzen Tag in dem Hafen von Singkel vor Anker zu liegen. Er gab uns die Antwort, dass er in diesem Falle unbedingt weiter fahren würde. Auch die anwesenden Damen fühlten sich durch diese Antwort beruhigt, und so fuhren wir auf einem Dampfer, der mit seinem Hauptmaste einen Winkel von beinahe 60° gegen den Horizont einnahm.

Wir waren im Gebiete des »Gouverneurs der Westküste Sumatras«[86], welches in 3 Residentien eingetheilt wird: Tapanuli, Padangs Oberländer und Padangs Tiefland.

Glücklich passirten wir die Inseln Mansalar, Nias und Steininseln (P. Batu) und erreichten endlich den 23. September ohne jedes unangenehme Intermezzo die Residenzstadt Padang.

Eine grosse Inselreihe beschützt die Westküste Sumatras wie ein mächtiger Wall vor den stürmenden und brausenden Wogen der Südsee, und nur diesen Inseln ist es zu danken, dass an zahlreichen Punkten schöne und gute Häfen angelegt werden konnten. Leider gehört keine dieser Inseln zu dem gewinntragenden Besitze Hollands. Selbst die Insel Nias hat bis jetzt der Insel Sumatra und indirect dem holländischen Reiche keinen anderen Nutzen gebracht als den Export seiner schönen Frauen. Schon vor 200 Jahren schloss die ostindische Compagnie mit einigen der zahlreichen Fürsten dieser Insel einen Handelscontract, welcher im Jahre 1756 erneuert wurde, ohne dass die Errichtung einer Factory auch nur die Kosten derselben gedeckt hätte. Die Engländer errichteten (während ihres Interregnums auf Sumatra) auf dem Hügel Sitoli ein kleines Fort, um mit bewaffneter Hand dem Sklavenhandel entgegentreten zu können. Es gelang ihnen ebensowenig als den Holländern, welche im Jahre 1836 dieses Fort aufhoben und einen atjeeischen Häuptling zum politischen Agent von Nias einsetzten. Der »Bock erwies sich als schlechter Gärtner«, und 1840 wurde wieder auf demselben Hügel ein kleines Fort gebaut. Als aber 1846 der Lieutenant Donleben bei der topographischen Aufnahme dieser Insel von den Niassern überfallen wurde, sah sich die holländische Regierung veranlasst, ernste Maassregeln zu treffen, um dem Räuberwesen auf Nias ein Ende zu machen. Aber erst der Expedition, welche den 29. December 1855 Padang verliess, und jener vom Jahre 1863 gelang es, die ganze Insel zu unterwerfen und sie dem »Gouvernement der Westküste von Sumatra« einzuverleiben.[87]

Die Niasser sind Heiden und stehen oder sagen wir standen vor 50 Jahren noch auf derselben Stufe der Civilisation als die Dajaker auf Borneo.[88] Thatsächlich sollen sie in ihrer Hautfarbe, in ihrem Körperbau, in ihren Sitten und Gebräuchen, in ihren Wohnungen und in ihrem Gottesdienste so verwandt mit den Dajakern sich zeigen, dass viele Ethnographen sie von Borneo abstammen lassen, während andere in ihnen Abkömmlinge von den Battakern des östlichen Sumatra sehen wollen. Gegen beide Theorien sind die Einwände so zahlreich, dass man wirklich am besten sie über Bord wirft und die genannten drei Volksstämme als Urbewohner ihres Landes betrachtet, welche durch die grosse Völkerwanderung im vierten Jahrhundert mehr oder weniger in ihren Sitten und Gebräuchen beeinflusst wurden. Durch diese Theorie lässt sich viel leichter die Aehnlichkeit der Niasser und Dajaker erklären, als dass Nias von Borneo oder umgekehrt Borneo von Nias bevölkert worden wäre.

Nias, die grösste Insel der miocenen Inselreiche, hat einen Flächenraum von 4500 ☐km, hat keine Vulcane, zahlreiche kleine Flüsse, drei Gebirgsketten mit zahlreichen kleinen Bergen, worunter der Hili Matjua mit 600 Metern die grösste Höhe besitzt, hat keine Seen, einige gepflasterte Wege, sonst zahlreiche Fusspfade, birgt Eisen, Kupfer und Gold in seinen Bergen, den sumatranischen Hirsch, Wildschweine, Rehe (Kidang), den Kees, den fliegenden Maki, den fliegenden Hund, das Schuppenthier, den Musang, die Otter und das Stachelschwein[89] in seinen Wäldern, und seine Flora unterscheidet sich ebenfalls nur wenig von der der Insel Sumatra.

Die Niasser sind im Durchschnitt 160 cm gross, haben eine gelbweisse bis lichtbraune Hautfarbe, schwarze Haare, keine breiten Nasenflügel (wie z. B. der Malaie), und zahlreich sollen unter ihnen die Albinos sein. Die tägliche Kleidung besteht aus einem Gürtel (wie der Djawat bei den Dajakern), Weste und einem Kopftuch bei den Männern; die Frauen tragen einen kurzen Sarong, Armringe, blaue Korallenschnüre, Armringe und Ohrringe aus Kupfer, welche die Ohrläppchen, wie bei den Frauen auf Borneo, bis auf die Schultern ausdehnen. Die Galakleidung der Häuptlinge ist allerdings sehr reich und soll oft einen Werth von 3–4000 fl. haben; die Krone mit einer hornförmigen, ungefähr einen Meter langen Spitze, der Fächer, ein goldener Halskragen und ein Dolch mit goldenem Griffe sind die theueren Kleidungsstücke eines Häuptlings, welcher sich in seinem ganzen Schmucke den Fremden zeigen will.

Die einzelnen Gebräuche, welche auch bei den Dajakern üblich sind und geradezu herausfordern, einen Vergleich mit diesen beiden räumlich so weit entfernten Volksstämmen zu ziehen, sind folgende:

Bewaffnet sind beide immer und zwar mit Lanze, Schild und Kopfmesser ([Fig. 22]). Beide tättowiren sich, die Niasser feiern ebenso zahlreiche, viele Tage dauernde Feste wie die Dajaker; beide kennen Kriegstänze der Männer, und der Tanz der Frauen im Reigen ist auf Borneo beinahe ganz derselbe wie auf der Insel Nias. Die Religion beider Stämme ist im Principe nichts anderes als ein Beschwören jener Geister, welche die Menschen mit Unheil und Krankheiten bedrohen. Der gute Geist »Lubu langi« wird von den Niassern ziemlich vernachlässigt, während den Adjus Opfer gebracht werden müssen, um sie für die Menschen günstig zu stimmen. (Der gefährlichste dieser übelwollenden Geister heisst Nadaaja.)

Soweit beide Stämme bereits mit den Europäern in Berührung gekommen sind, gebrauchen sie im Handelsverkehr Münzen; im Uebrigen herrscht der Tauschhandel — mit Gold; für europäisches Papiergeld haben sie noch kein Verständniss.