Mit einem militärischen Grusse empfahlen wir uns, und kaum waren wir bei der Thür, als der Oberst X. mich allein zurückrief und mir verwies, dass die Masche der Feldbinde nicht an ihrem Orte, d. h. hinter dem Griffe des Säbels sass. Als wir beide den nächsten Morgen auf’s Schiff kamen, waren alle Krankenwärter anwesend, welche mit uns die Reise gemacht hatten. Offenbar hat sich dieser Haudegen genirt, vor mir eingestehen zu müssen, dass jedermann in die Lage kommen könnte, »einen einmal gegebenen Befehl« widerrufen zu müssen.

Nach diesen obligaten Vorstellungen fuhren wir durch die Stadt, um die Zeit vor der »Rysttafel« durchzubringen und gleichzeitig einen Totaleindruck von dieser Stadt zu bekommen.

Padang hatte schon im Jahre 1666 eine holländische Niederlassung; als im Anfange des 19. Jahrhunderts die Insel Sumatra in den Besitz von England kam, übersiedelten viele englische Familien von Singapore, von der Insel Pinang und von Malacca dahin und brachten ein neues Element in diese übrigens gut malaiische Stadt. Das englische Interregnum dauerte nur bis zum Jahre 1824, und die eingewanderten Engländer blieben im Lande, vermehrten sich, ohne jedoch den Charakter der Stadt zu beeinflussen. Im Allgemeinen ist ja der Unterschied der englischen und holländischen Städte in den Colonien geradezu auffallend. Der Engländer behält auch in den Tropen seine heimathlichen Sitten und Gebräuche bei; der Holländer jedoch fügt sich so viel als möglich in die Sitten des Landes.[92] In Padang ist heute von der Anwesenheit dieses englischen Elementes absolut gar nichts zu merken: es ist eine holländisch-indische Stadt wie jede andere auf Java oder Borneo oder Sumatra. (Medan auf der Ostküste dieser Insel ist eine Ausnahme.)

Die Häuser selbst tragen ausgesprochen den indischen Charakter ([Fig. 2] u. [Fig. 23]). Sie bestehen aus Holz, ruhen auf Pfählen und sind mit Atap gedeckt. Auch steinerne Häuser sah ich in Padang; sie fallen aber geradezu durch ihre Einfachheit und ich möchte sagen auch durch ihre Stillosigkeit auf. Dazu gehören vier Privathäuser, der Justizpalast (?), das Haus des Gouverneurs, das Hauptgebäude des Militär-Spitales, die Wohnungen der Officiere, die Bureaux und Magazine der grossen europäischen Firmen und die meisten chinesischen Wohnungen.

Wir besuchten einen alten Collegen und hatten also gute Gelegenheit, ein malaiisches Haus in allen seinen Theilen besichtigen zu können. Seine Vortheile gegenüber dem steinernen Hause oder dem der Javaner überwiegen die Nachtheile.

Es stand auf ungefähr einen Meter hohen Pfählen, hatte Wände aus Holz, und eine hölzerne Treppe mit Geländer führte in die vordere Veranda. Das Dach war mit Atap, d. i. den getrockneten Blättern der Nipahpalme, gedeckt und überragte das Haus um ungefähr 2 Meter, d. i. die ganze Breite der Veranda. Kaum hatten wir unsern alten Bekannten begrüsst, konnte ich mich der Bemerkung nicht enthalten, wie sie denn in einem solchen einfachen Hause wohnen könnten. Schon der erste Schritt, den wir in der Veranda machten, erschütterte das ganze Haus. Lachend erwiderte er: »Sehen Sie, Herr College: Die Vortheile dieses Schüttelns kennen Sie ja gar nicht. Wenn irgend ein Dieb oder sagen wir ein Liebhaber meiner 56-jährigen Frau in der Nacht das Haus betreten wollte, würde das Schütteln mich sofort aus dem Schlafe wecken. Auch die Elefanten, die sich glücklicherweise nicht in unsere Nähe wagen, können sich unmöglich an den Pfeilern dieses Hauses reiben, ohne dass wir es merken. Ein Tiger wagt es nicht einmal, aus einem solchen Hause seine Beute sich zu holen. Kommt aber ein Erdbeben, so werden wir ganz gut durchgeschüttelt, aber wir fürchten uns nicht im geringsten, unter seinen Trümmern getödtet zu werden. Auf Java stehen die meisten Kamponghäuser ohne Pfähle auf dem Boden; Schlangen, Frösche und alles mögliche Ungeziefer kommen leicht in ein javanisches Bauernhaus. Hier werden wir von diesen ungeladenen Gästen nicht heimgesucht. Sehen Sie sich unsere Wohnung näher an. Hier in diesem Zimmer steht mein Pianino und daneben mein Bücherkasten. Das Pianino hat seinen schönen hellen Klang beibehalten, den es bei seiner Ankunft hatte, und kein einziges Buch in meinem Bücherkasten ist mit Schimmel bedeckt. Gehen Sie hin zum Oberstabsarzt X., welcher in einem steinernen Hause wohnt; er wohnt allerdings standesgemäss, während ich als pensionirter alter Regimentsarzt nur in einem Kamponghause, in einem malaiischen Wohnhaus wohne. Aber schauen Sie sich sein Pianino an; Sie spielen doch Klavier; wenn Sie die Tasten anschlagen, brummen Ihnen die verrosteten Saiten ein Lied vor, dass Sie aus den Nebentönen und von falschen Tönen ein Studium machen können. Uebrigens ist es gar nicht wahr, dass ich, wie die Leute mir vorwerfen, in einem Kamponghause wohne. Die Eingeborenen haben ja gar kein Geld, sie sind zu arm dazu, um ein solch elegantes Haus sich zu bauen. Ihre Häuser haben nur Wände aus Bambusmatten und der Boden ist ebenfalls nur ein Flechtwerk aus Bambus oder aus dünnen Aesten aus weichem Holz. In einem solchen Hause haben es die Herren Mörder und die etwaigen Liebhaber der Hausfrau sehr leicht, den Eigenthümer aus dem Wege zu räumen; sie stecken ganz einfach die Lanze durch die Lücken des Bodens, und der Eigenthümer ist eine Leiche. Dies habe ich natürlich nicht zu fürchten, weil dieses Haus von einem reichen Malaien und zwar einem Nachkommen des Radja von Menangkabau gebaut wurde; es besteht also ganz aus Brettern und nur das Dach verräth den nationalen Ursprung. Dieses primitive Dach hat auch einige Vortheile und nur wenige Nachtheile. Die versengenden Strahlen der Tropensonne sind nicht im Stande, durch dieses Dach ins Haus zu dringen; also zu jener Stunde des Tages, in welcher durch die senkrecht herabfallenden Strahlen die Luft geradezu heiss zu nennen ist, ist das Innere meines Hauses am wenigsten von der Tropenwärme belästigt. Aber auch niemals dringt der Regen in die Wohnung; die ersten Regentropfen befeuchten die Blätter hinreichend, um die ganze Bedeckung zu einer compacten Masse umzuwandeln, welche selbst durch den stärksten Wind nicht gelockert wird. Wenn Sie heute Abend beim Oberstabsarzt X. eine Visite machen werden, wird es keine 10 Minuten dauern, bis seine Frau, eine echte Nonna, das Gespräch auf uns, resp. auf unser Haus leiten wird; sie wird es als eine Schande bezeichnen, dass ich als Arzt in einem »malaiischen Hause« wohne. Wenn dies geschieht, schauen Sie sich sofort die Mauern ihrer Veranda an. Wenn nicht zufällig heute früh der Kebóng (= Gartenknecht) die Mauern mit der Kalkquaste übertüncht hat, werden Sie bis zur Höhe des Tisches die braunen Streifen der Feuchtigkeit sehen, welche aus dem Boden in die Mauern dringt. Noch besser können Sie sich davon überzeugen, wenn in der Frühe des Morgens die Thüren des Hauses geöffnet werden und man aus der frischen Luft in’s Haus tritt. Sie haben keine Idee, wie dumpfig die Luft in einem solchen steinernen Hause während der Nacht wird. Schauen Sie sich übrigens meinen Plafond an und den im Hause des Oberstabsarztes. Hier sehen Sie zwischen den Wänden und dem Dache einen freien Raum von ungefähr 20 cm; durch diesen dringt die im Hause durch unsere Ausdünstungen mit Kohlensäure geschwängerte Luft hinaus in’s Freie. Dort bleibt sie am Plafond hängen, weil die Fenster weit vom Plafond entfernt sind. Allerdings hat »Mutter die Frau« in meinem Hause grosse Scherereien mit dem Staub, welcher bei Windschlägen vom Plafond in’s Innere fällt, und manchmal ist es thatsächlich hier so warm, dass sie bedauert, nicht in einem steinernen Hause zu wohnen. Wenn sie aber dann wiederum hört, mit wie vieler Mühe die Frau Oberstabsarzt den Schimmel von ihren Schuhen und von ihren Kleidern fernhalten kann, dann ist sie wiederum mit ihrem Schicksal versöhnt, in einem »malaiischen Hause« wohnen zu müssen. Beinahe hätte ich noch den bedeutendsten Vortheil eines hölzernen Hauses anzuführen vergessen. Mein Haus steht, wie Sie sehen, auf Pfählen von 1 Meter Höhe; steinerne Häuser müssen auf dem Grunde stehen. Der Boden ist reiner Alluvialboden und geschwängert von pflanzlichen und thierischen Organismen; Korallenkalk mit seinen todten Korallenthieren wurde verwendet, um dem Grunde, auf welchem die Häuser gebaut werden, eine grössere Härte zu geben. Die aus diesem verpesteten Grunde aufsteigenden Miasmen werden in meinem Hause mit jedem Zugwinde in die freie Luft getrieben; bei einem Hause ohne Pfähle bleiben sie in dem Boden, dringen in die Mauern und gelangen von diesen in die Wohnräume. Nein; ich bleibe in meinem Kamponghause wohnen und habe gar kein Verlangen nach einem noblen, steinernen Hause.«

Im Ganzen und Grossen konnte ich diesem Herzensergusse meines alten Collegen meine Zustimmung aus Ueberzeugung geben; ich hatte ja schon damals Gelegenheit gehabt, in allen möglichen Sorten von Häusern zu wohnen, und noch heute würde ich aus denselben Ursachen einem hölzernen Hause unbedingt den Vorzug einräumen.

Es war keine officielle Visitenzeit, da diese in Indien um 7 Uhr beginnt. Wir entfernten uns, nachdem wir noch versprochen hatten, vor unserer Weiterreise noch einmal vorzusprechen und uns für den guten Willen bedankt hatten, als er uns zur »Rysttafel« einladen oder eine Contrevisite machen wollte. Wir fuhren noch eine halbe Stunde in der Stadt herum, sahen zwei Mühlen zur Entpolsterung des Reises, zwei Eisfabriken, zwei Buchdruckereien, eine Mineralwasserfabrik, vierzehn chinesische Mühlen zur Entpolsterung des Reises, fünf chinesische Brodbäckereien, vierzig malaiische Schmiede, fünf chinesische Oelmühlen, einige Ziegelfabriken und zahlreiche Werkstätten von Silber- und Goldschmieden, und zuletzt fuhren wir durch einen Kampong, an dessen Ausgang eine Gruppe malaiischer Frauen ([Fig. 24]) stand, welche ich, nach ihren Haartrachten zu urtheilen, für Bewohner des nordöstlichen Atjehs gehalten hätte.

Endlich hatten wir nach der Behauptung des Kutschers »ganz Padang« gesehen. Es ist eine echt tropische Stadt; alle Häuser sind mit einem kleinen Garten umgeben — nur nicht das »Officierscampement«, oder es wird besser bezeichnet mit den Worten: Padang ist ein grosser Garten, in welchem hin und wieder ein Haus gesehen wird. Palmen und Bananen, Waringinbäume sind die auffallenden Vertreter der Tropenflora; jedes Haus hat in seiner Veranda eine grössere oder kleinere Zahl Blumentöpfe mit Rosen, Dalias, Pegonias u. s. w. u. s. w. Die lieblichen, duftenden und bunten Kinder der Flora zieren die Häuser, während die Waldriesen in den Gärten unser Staunen erregen und die Obstbäume mit ihren herrlichen, oft riesigen und stark duftenden Früchten unsern Gaumen und nicht weniger unser Geruchsorgan ergötzen.

Um 12 Uhr kamen wir im Hôtel an und wurden von einer Schaar Hausirer empfangen, welche im Allgemeinen in den Häfen der holländischen Colonien lange nicht so lästig sind als jene in Singapore oder in Port Said u. s. w. Zahlreiche Nationen hatten unter ihnen ihre Vertreter; chinesische, javanische, arabische, klingalesische Händler boten die Industrieproducte ihres Landes oder europäische Waaren und malaiische Goldschmiede ihre Silber- und Goldwaaren feil. Es waren darunter wirklich reizende Nippessachen in Filigran gearbeitet. Am häufigsten verkauften sie indische Früchte aus Silber verfertigt, so z. B. Durian, Ananas, Rambutan u. s. w.; ich erstand jedoch eine Möbel-Garnitur en miniature, welche allerliebst aussah; einen Divan, einen Tisch, sechs Sessel und zwei Schemel; auch zwei aus Gold gearbeitete Durians erstand ich um ziemlich niedrigen Preis. Sie hatten dabei einen eigenthümlichen Maassstab im Gebrauch. Sie hatten eine kleine Waage bei sich und gebrauchten statt Gewichte Silbermünzen für die aus Silber verfertigten Nippessachen. Obwohl ich noch bezweifle, dass diese Silberwaaren denselben Feingehalt als die betreffenden Silbermünzen hatten, so gingen sie niemals in ihrer Preisforderung unter dieses Gewicht; immer musste man mehr bezahlen als das Gewicht der betreffenden Münze; anderseits muss ich gestehen, dass sie sich oft mit einem Arbeitslohn als Gewinn begnügten, der für einen europäischen Arbeiter oder Künstler geradezu undenkbar wäre. Auch bieten sie sich zur Anfertigung von Armbändern, Haarnadeln, Gürteln und Ringen nach jeder beliebigen Form an und gebrauchen in gleicher Weise das Gewicht der erhaltenen Silbermünzen zur Controlle des Silbergehaltes. Am häufigsten verfertigen sie für die Frauen der Eingeborenen Platten zu einem silbernen Gürtel und verwenden dazu die silbernen Ryksdaalder (= à 4¼ Mark) und weisen in der Regel die Münzen anderer Staaten als minderwerthig zurück, so z. B. die auf der Ostküste Sumatras stark circulirenden mexikanischen, japanischen und amerikanischen Dollars. Diese Gürtel haben jedoch nur geringen künstlerischen Werth, weil das zu dünnen Platten geschlagene Metall gepresst wird. Alle anderen Sachen zeigen die Filigranarbeiten geradezu in ihrer Vollkommenheit und können mit den schönsten Erzeugnissen in der Türkei, Schweden, Holland, Ungarn an Feinheit der Arbeit concurriren. Diese Kunst ist so ziemlich beinahe unter allen malaiischen Stämmen dieser Insel verbreitet; die Padangschen Silberarbeiten sind jedoch die schönsten.