Das Hôtelleben in Padang unterscheidet sich nur wenig von dem anderer Städte auf den Inseln des indischen Archipels. Die Hôtels sind primitiv eingerichtet, bieten für den mässigen Preis von 4–6 fl. per Tag oder 90–120 fl. per Monat volle Verpflegung, incl. freies Eiswasser und Genever vor den zwei Hauptmahlzeiten, und gestatten in ziemlich ausgedehnter Weise das freie ungenirte Leben des häuslichen Herdes. Die Damen erscheinen zur Rysttafel (Mittagstisch) auch in Padang in Haustoilette, und in der Veranda, welche die einzelnen Hôtelzimmer begrenzt, sieht man das ganze Familienleben der verheiratheten Gäste coram publico sich abspielen. Bereits im zweiten Band habe ich dieses den Europäern fremd erscheinende sociale Bild ausführlich geschildert, und ich will darum nur noch mittheilen, dass Padang[93] noch mehr als alle indischen Städte dem Sprüchwort huldigt: Ländlich, sittlich.
Mit dem gewöhnlichen Tagesprogramm schlossen wir diesen ersten Tag unseres Aufenthaltes in Padang. Nach dem Nachtmahl zogen wir die Haustoilette an und setzten uns in die vordere Veranda des Hôtels, um »Klima zu schiessen«.[94] Wir waren von den eng anschliessenden Kleidern befreit und athmeten und transpirirten also freier und bequemer. Ein leiser Zephyrwind wehte von Osten her über die Stadt. Vor uns lag das Meer, und tosend und brüllend stürzten sich die Wellen zwischen den kleinen Inseln auf das naheliegende Ufer, und tiefe Finsterniss bedeckte den Horizont, und nur selten öffneten sich die Wolken, um irgend einem Stern sein Licht den Weg zu uns zu gestatten. Plötzlich erhellt sich der ganze Horizont in einem lichtblauen Seelicht, und eine feurige Kugel, beinahe so gross als ein Menschenkopf, fiel vor unseren Augen in die Tiefe des westlichen Horizontes. Nach wenigen Secunden war das Meteor spurlos verschwunden, und nur das Zirpen einiger Grillen störte die majestätische Ruhe der Tropennacht. Wir gingen zu Bett. Es war eine warme Nacht, und wir transpirirten so stark, dass wir zweimal aufstehen und die Leibwäsche wechseln mussten. Um 5¼ Uhr wurden wir wach und eilten sofort hinaus in die vordere Veranda, um uns an der frischen Morgenluft zu erquicken. Die Sonne stand noch unter dem Horizonte; aber das Zodiacallicht, dieser »beständige Schmuck der Tropennächte«, hatte bereits seine Lichtbündel gegen den Zenith gesendet, und der Gegenschein fiel trotz seines schwachen Lichtes mir sofort auf, so dass ich meine Frau auf dieses schöne Phänomen aufmerksam machen konnte, welches auch in Europa bekannt ist, aber den Städtebewohnern beinahe niemals auffällt. Wie wenigen selbst sehr intelligenten Männern ist dieser Terminus technicus »Zodiacallicht« geläufig, obschon Fachmänner schon vor mehr als 200 Jahren eine ausführliche Beschreibung dieses oft reizenden Phänomens gebracht haben! Vor uns lag der westliche Horizont; wir haben also des Morgens nur den Gegenschein sehen können. Nachmittags um ¾6 war der Himmel unbedeckt, und ich konnte meiner Frau das Zodiacallicht in seiner ganzen Pracht demonstriren. Es war ein heller kegelförmiger Schein von grösserer Intensität als die Milchstrasse und hatte eine etwas weniger helle Hülle. Auch in Indien ist diese Erscheinung trotz ihrer relativ schönen Pracht der grossen Menge unbekannt. Die Erklärung für diese auffallende Thatsache ist nicht schwer. Die scheidende Sonne erzeugt am westlichen Himmel geradezu ein Feuermeer; das intensivste Gelb spiegelt in den Wolken abwechselnd mit einer tiefen rothen Gluth ein so scharfes, blendendes und reizendes Farbenbild ab, dass das Auge davon gesättigt und selbst ermüdet dem nachfolgenden Zodiacallicht keine Aufmerksamkeit mehr schenkt.
Der Tropen Pracht und Herrlichkeit, die Ueppigkeit ihrer Fauna und Flora vereinigen sich in der westlichen Hälfte Sumatras mit einem sanften herrlichen Klima, das in den höheren Regionen geradezu subtropisch genannt werden kann und jeden Vergleich mit dem des südlichen Italiens erlaubt.
Erst in dem letzten Decennium dachte die holländische Regierung daran, in grösserem Maassstabe den Reichthum des Landes zu heben und legte im Süden der Stadt einen neuen Hafen, den Emmahafen, an und baute eine Eisenbahn, welche vorläufig dem Transporte der Kohlen aus den Ombilienfeldern zu Statten kam.
In früheren[95] Jahren war der bedeutendste Exportartikel der Caffee, dessen Bau vielen Kampongs, unter dem Namen »Gouvernementscultur«, im Robotdienste auferlegt wurde (neben Reis, Pfeffer, Kokosnüssen, Muskatnüssen, Tabak und Djattiholz (Tectonia grandis)); d. h. den Einwohnern der einzelnen Kampongs wurde befohlen, eine gewisse Anzahl Caffeebäume zu pflanzen und deren Erträgnisse gegen 15 fl. per Pikol (= 62½ Kilo) in die Lagerhäuser der Regierung einzuliefern, welche bei niedriger Schätzung 24 Fl. (= 40 Mark) per Pikol verdiente.
Dieser »Culturzwang« ist schon sehr alt; mir wenigstens ist schon aus dem Jahre 1823 ein derartiger Erlass bekannt. Wie es mit allen Gesetzen und Reglements ergeht, so geschah es damals und so geschieht es auch noch heute, dass die Ausführung des »Culturzwanges« in den einzelnen Bezirken stark variirte. Dieser war, wie der Herr P. J. Kooreman im Jahre 1900 im »Indischen Gids« mittheilte, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Zwang stricte dictu.
... »Alles geschah im Robotdienst, und vor Anbruch des Tages kamen hohe und niedrige Beamte mit ihren Knechten in die Kampongs, um die Männer, manchmal selbst handtastlich, aus ihren Häusern in ihre Caffee-, Pfeffer- und Reisfelder oder nach den Wegen, Brücken und Wasserleitungen zu jagen, wo sie unter strenger Aufsicht oft vierzehn Tage hintereinander schwere Arbeit verrichten mussten. Faulheit oder Nachlässigkeit wurden mit Extraarbeit, Geldstrafe, Zwangsarbeit oder mit Blockarrest bestraft. Bis zum Jahre 1852 mussten die Gefangenen für ihre Kost selbst sorgen, und, wurde ihnen von den Verwandten kein Essen gebracht, mussten sie entweder Hunger leiden oder das Essen von den Polizeisoldaten oder von den Gefängniss-Aufsehern um theures Geld erstehen. Kein Gestrafter wurde entlassen, bevor die Geldstrafe und die Auslagen bezahlt waren. Eigensinnige Cultur- und Robotschuldige wurden mit Stockschlägen oder Ohrfeigen zur Gehorsamkeit gebracht, und gelang es nicht mit diesen Zuchtmitteln, dann wurden sie damit bestraft, dass sie einige Stunden mit einem Fuss in einem Block stehen mussten, welcher ungefähr einen Meter hoch war. Manchmal wurden ganze Familien aus ihren Kampongs und ganze Kampongs zur Auswanderung gezwungen.
Wurde nicht genug Caffee gepflanzt und eingeliefert, oder wurden nicht genug Robotdienste geleistet, dann wurden die Häuptlinge dafür angesprochen, und sie wurden mit Extraarbeit, Arrest, Blockarrest, Abschied aus dem Dienste, man behauptet sogar mit Verbannung nach der Insel Nias gestraft. Hin und wieder machte die Garnison einen Marsch in die Kampongs, wo die gegebenen Befehle nicht genau ausgeführt waren, und dann mussten Häuptlinge und Bevölkerung zur Strafe für Logis und Nahrung der Soldaten sorgen.«
Es wird wohl niemanden wundern, dass solche Zustände den holländischen Dichter Douwes Dekker[96] zu jenem Aufschrei der Entrüstung veranlassten, welcher als Roman unter dem Namen »Max Havelaar« vor 40 Jahren (Mai 1860) nicht nur »Insulinde«, sondern auch ganz Holland aus seinem Indifferentismus herausriss. Wenn aber Douwes Dekker später bei einem Congress in Brüssel Holland darum den »Raubstaat zwischen der Maass und Schelde« nannte, ging er zu weit und charakterisirte sich selbst als das, was er thatsächlich ist, als einen Phantasten.
Sehen wir uns die thatsächlichen Verhältnisse etwas näher an. Wir müssen dabei scharf unterscheiden zwischen dem Malaien der Küste und jenem des Innern des Landes. Der erstere ist durch den Contact mit den seefahrenden Nationen und durch den steten Kampf mit dem Meere ein unternehmender, handeltreibender Seefahrer geworden (in früheren Zeiten war er auch Seeräuber), der bis in die entlegensten Inseln des Archipels mit seiner Paun gelangt. Der Malaie des »Oberlandes« ist jedoch nichts mehr und nichts weniger als ein grosses Kind. Sorglos lebt er in den Tag, so lange die üppige Tropennatur die Mittel für seinen Unterhalt freigebig schafft, und fröhnt seinen Gelüsten: der Liebe, dem Würfelspiel und in einigen Gegenden dem Opium. Er denkt nicht an den morgigen Tag, an etwaige schlechte Ernte, an Wechselfälle des Lebens. Misslingt die Ernte, tritt Hungersnoth ein, überfallen Tiger seine Herde, überströmen die ausgetretenen Wassermassen seine Felder u. s. w., dann ist er Fatalist bis zum Uebermaass. »Tuwan Allah Kassih«[97] ist sein Loosungswort, und er thut dann nur das Unvermeidliche, um sich aus seinen Nöthen zu retten.