Selbst das Gebiet »des Gouvernements der Westküste von Sumatra« ist nach keiner Richtung hin ein einheitliches.

Politisch wird es in drei »Residenties« eingetheilt. Die erste Residentie »Tapanuli«[98] reicht von der atjeeischen Grenze 0° 15′ N. B. nach Süden, wo das Vorgebirge Tua mit dem Berge Bagumba (374 Meter hoch) an der Küste eine natürliche Grenzmauer dieser beiden Provinzen bildet. Die Hauptstadt Siboga liegt in dem schönen Meerbusen von Tapanuli, welcher im Westen von der Insel Mansalar gegen die stürmische Brandung der indischen See geschützt wird. Die zweite Residentie heisst Padangsche Niederländer[99] und zieht längs der Küste bis zur Residentie Benkulen (2° 30′ S. B.). Ihre Ostgrenze ist der Kamm des grossen Barisangebirges, welches beinahe parallel mit der Küste die Insel in zwei (ungleich grosse) Hälften theilt. Die dritte Provinz (im Osten) heisst Padangsche Oberländer[100] mit der Hauptstadt Fort de Kock und grenzt an zahlreiche noch unabhängige Stämme, von welchen bereits früher ([Seite 68]) die Rede war.

Ethnographisch unterscheiden sich die einzelnen Theile der »Westküste Sumatras« so stark, dass es unmöglich ist, in Betreff des »Culturzwanges« eine für alle Stämme — wenn sie auch insgesammt der malaiischen Rasse angehören — geltende Directive zu geben. Ich will nur auf die zwei Extreme hinweisen, zwischen welchen alle Grade der menschlichen Civilisation gerade in diesem Theile Sumatras sich bewegen: Im äussersten Nord-Osten dieser Provinz verkehren die Eingeborenen mit den benachbarten Menschenfressern, und im Hochlande Agam haben die Einwohner eine Sittenreinheit sich bewahrt, welche selbst die civilisirten Länder Europas nicht allgemein kennen. So wie die Pädagogie das Individualisiren zum Axiom ihrer Thätigkeit erklärt hat, ebenso muss die holländische Regierung die verschiedenen Stämme ihres grossen Reiches »Insulinde« nach ihrem jeweiligen Bildungsgrade mit verschiedenen Mitteln in den Kreis der menschlichen Civilisation einführen.

Aber auch die geologische Beschaffenheit dieser Provinz zeigt in ihren einzelnen Theilen so bedeutende Unterschiede, dass die Naturproducte in ihren Sorten stark differiren und darum gewiss keine einheitliche coloniale Politik ermöglichen. In den Niederungen der Küste haben wir ja reine Tropenvegetation; in dem Barisangebirge herrscht subtropisches Klima, und europäisches Gemüse gedeiht dort ebenso gut als auf den Feldern des südlichen Europas. 60 Vulcane besitzt die ganze Insel. Die grosse Erdspalte, welcher das Barisangebirge sein Entstehen verdankt, hat zehn grosse Querspalten. Aus einer derselben entsprangen (nach Carthaus) vielleicht noch in historischer Zeit die drei gewaltigen Vulcane Sago[101] (2240 Meter hoch), Merapi[101] (2892 Meter) und der Singalang[101] (2790 Meter). Hier sind grosse Massen des jüngeren vulcanischen Materials aufgehäuft und zwar der Trachyt und Andesit, welche in zerfallenem Zustande eine ausgezeichnete Basis für eine üppige Humusschicht abgeben; und hier wetteifert auch die Tropenvegetation in ihrem ganzen Reichthum mit der Flora der subtropischen Länder. Die grösste Höhe erreicht in dieser Provinz der Berg Ophir oder vielmehr dessen östliche Spitze, der Berg Telaman, 3000 Meter hoch, während unter allen Bergen der ganzen Insel Sumatra in Gross-Atjeh der Luseh oder Sinobong eine Höhe von 3700 Metern erreicht (3° 45′ N. B.). Im Süden liegt der Berg Dempo (4° S. B.) 3170 Meter hoch[102] und (vide [Seite 57]) der Indrapura (3690 Meter).

Fig. 24. Eine Gruppe in Pedir gefangener malaiischer Frauen.

([Vide Seite 184].)

Ob in dieser üppigen Tropenvegetation ein Culturzwang erspriesslich wäre, oder ob auf den kahlen Abhängen einzelner Berge oder im sumpfigen Flachlande die Eingeborenen zur Arbeit gezwungen werden sollen — darüber muss der praktische politische Blick des jeweiligen Regierungsbeamten entscheiden.

Die Sittenreinheit der Bewohner des Padangschen Hochlandes, von dem ich soeben sprach, datirt aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts. Wie bekannt ist, stiftete in Centralarabien ein gewisser Mohamed Abd el Wahhâb am Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Secte, welche die Zurückführung des Islamismus auf seine ursprüngliche Reinheit bezweckte. Die Wahhâbiten nahmen an Zahl rasch zu, und ungefähr im Jahre 1801 bemächtigten sie sich Mekkas und zwangen den Sherif dieser Stadt zur Unterwerfung. Damals befanden sich auch drei Malaien aus dem Hochlande Padangs in Mekka und nahmen die Lehren der Wahhâbiten in ihrem ganzen Umfang an; ja noch mehr; im Jahre 1803 waren sie nach ihrer Heimath zurückgekehrt und beschlossen, den sittlichen Verfall ihrer islamitischen Brüder aufzuhalten. Diese drei Hadji (= Mekkapilger) hiessen Hadji Miskien, Hadji Sumanik und Hadji Piabang. Ihr erster und bedeutendster Apostel war Tawanku von Rintjeh, der in seiner Heimath (Bangsah in Kamang) alle Panghulus (= Priester) der Umgebung zusammenrief und in leidenschaftlichen Worten die Fahne des heiligen Krieges entrollte. Er forderte, dass jeder fünf Mal des Tages seinen Körper reinigen und fünf Mal des Tages sein Gebet verrichten müsse. Der Genuss von Opium, Tabak, Sirih und alcoholischen Getränken müsste verpönt sein. Das Abschleifen der Zähne, Hahnenkämpfe und jedes Würfelspiel müssten verboten bleiben. Er forderte, dass die Männer einen Bart und weisse Kleider tragen und den kahlgeschorenen Kopf mit einem schwarzen Tulband als äusserem Zeichen der neuen Secte bedecken sollten. Die Frauen sollten ihr Gesicht verhüllen, und niemand dürfe nackt ein Bad nehmen. Jede dieser Sünden sollte mit dem Tode bestraft werden.

Seine Tante, die Schwester seiner Mutter, war die erste Märtyrerin des alten Glaubens; als sie trotz dieser Lehren Tabak kaute, erstach er sie mit eigener Hand und überliess ihren Leichnam im Urwalde den wilden Thieren zur Beute. Seine Lehre fand nun mehr und mehr Anhang, und bald wurde er allein zu schwach, um die siegreich eroberten Kampongs auch sittenrein zu erhalten; er ernannte in jedem dieser neuen Anhänger-Centra zwei Häuptlinge: den Imam als geistliches Haupt, welcher die neue Lehre predigen, und den Khalif, welcher jede Uebertretung streng sühnen und bestrafen sollte. Nach der malaiischen Adat, welche er ebenso wenig als z. B. die späteren islamitischen Priester in Atjeh ausrotten konnte, d. h. nach dem Gewohnheitsrechte der Malaien konnte jedes Verbrechen durch ein Geldopfer gesühnt werden. Es wurden also Strafen auferlegt für den Mann, der seinen Bart rasirte, mit zwei Suku = 2⁄4 spanische Thaler; wer seine Zähne abfeilte, musste einen Karbon (Büffel) bezahlen; eine Frau, welche unverschleiert ging, musste ¾ Thaler bezahlen u. s. w. u. s. w. Diese Geldstrafen wurden natürlich eine reichfliessende Quelle für das Einkommen der Imams; denn der Missbrauch blieb nicht aus, und oft genug geschah es, dass z. B. Tabak heimlich in die Hütte eines vermögenden Häuptlings gebracht wurde, und bei gelegener Zeit entdeckt wurde. So wurden die wahhâbitischen strengen Moralitätslehren die Ursachen eines Ausbeutesystems, das zum Aufruhr führen musste. Viele malaiische Häuptlinge flüchteten sich nach Padang und baten um Hülfe gegen den Despotismus der Padri (= Hadji). Sie boten der holländischen Regierung alle Länder an, welche zum früheren Menangkabauischen Reiche gehört hatten — dies geschah den 10. Februar 1821 — und der Padrikrieg nahm seinen Anfang mit der Besetzung von Samawang am östlichen Ufer des Singkarasees. Dieser Krieg dauerte bis zum 14. August 1837, an welchem Tage der Herd der Fanatiker, Bontjol, von den Holländern erobert wurde.