Der Krankheitserreger des Knöchelfiebers ist zwar ein »strenger Herr, aber er regiert nicht lange« (holländisches Sprichwort), dies ist die Ursache, dass diese Patienten nicht lange leiden und dass nur wenige ihm erliegen.
Die pathologischen Veränderungen an der Leiche sind bis jetzt nur wenig bekannt; mehrere englische Aerzte haben zwar an einigen Leichen Section gehalten, aber bis auf einen schwachen serösen Erguss in einzelnen Gelenken nichts Pathognomisches gefunden. Die Zahl der Todesfälle ist bis jetzt auch auf Java zu klein gewesen, um auch aus dieser Epidemie ein reichlicheres Material für Untersuchungen an der Leiche zu erwarten. In Batavia befindet sich ein bacteriologisches Laboratorium; vielleicht finden die dortigen Aerzte Gelegenheit, Aufklärung zu bringen.
Das Knöchelfieber ist gewiss eine Infectionskrankheit; aber es ist keine Frage, dass sie auch ansteckend ist und dass ihr Contagium in dem Menschen üppig vegetirt. Gerade die oben erwähnte Thatsache, dass jung und alt, Mann und Frau, der cachektische wie der robuste Mensch in gleicher Weise von einer Infection bedroht sind, spricht nicht für eine »Erkältung«; aber auch Thiere werden zur Zeit einer Epidemie des Knöchelfiebers häufig von ihr ergriffen; ja Dr. Vordermann, dem damaligen Inspector des civilärztlichen Dienstes in Batavia, gelang es, wie Dr. van der Burg erzählt, durch Einspritzen von Blut eines solchen Patienten in die Vene eines Affen, diesen schwer krank zu machen. Dies geschah allerdings vor vielen Jahren, also zu einer Zeit, wo die Technik dieser Experimente noch viel zu wünschen übrig liess; da aber auch englische Aerzte Hunde, Katzen, Pferde und Kühe zur Zeit einer herrschenden Epidemie drei bis vier Tage lang an Gelenkkrankheit leiden sahen, so ist dieses Experiment des Dr. Vordermann nicht ganz von der Hand zu weisen. Wenn auch nicht auf bacteriologischer Grundlage basirt, so verdienen dennoch die einzelnen Fälle, in welchen der Import der Krankheit nachgewiesen wurde und noch nachgewiesen wird, volle Berücksichtigung. So kam ein Javane im August 1872 mit dem Knöchelfieber nach Makassar (Celebes), und kurze Zeit nachher war die Epidemie in floribus. Auch diesmal wurden solche Fälle bekannt. Nach dem Ausbruch der Epidemie in Surabaya zogen zwei Javaner nach Djocjakarta (in Mittel-Java), und nach einigen Tagen wurde auch in dieser Stadt diese Krankheit beobachtet.
Die Zeit der Incubation wird von wenigen Stunden bis auf acht Tage angegeben; aus der jetzigen Epidemie sind mir diesbezüglich noch keine Mittheilungen zugekommen; ebenso verschieden waren bis jetzt die Mittheilungen über die Dauer der einzelnen Epidemien. Sie schienen überall so lange zu dauern — bis die ganze Bevölkerung durchseucht war; so erkrankte z. B. im Jahre 1818 von den 70000 Bewohnern von Lima (in Peru) beinahe die ganze Einwohnerzahl. Das einmalige Ueberstehen dieser Krankheit schützt nicht einmal vor einer Recidive in derselben Epidemie.
Bevor ich zur Beschreibung des Krankheitsbildes übergehe, will ich noch bemerken, dass Quarantainemaassregeln wahrscheinlich keinen Erfolg auf die weitere Verbreitung der Krankheit haben werden, obwohl der englische Arzt Sparrow seiner Zeit durch strenge Isolirung der Patienten dieses Ziel erreicht haben will.
Die Symptome jenes, von mir beobachteten Falles von Knöchelfieber stimmen so ziemlich überein mit jenen, welche von anderen Berichterstattern, z. B. Dr. van der Burg, Scheube, Adriani, Dunkley, Rey, Vernani und so weiter mitgetheilt wurden, und ich brauche daher nicht zu zögern, diesen einen Fall zur Basis des jetzt folgenden Krankheitsbildes zu nehmen.
Heftige Schmerzen in den verschiedensten Gelenken leiten die grosse Reihe der Symptome ein; kein einziges Gelenk macht hiervon eine Ausnahme, in den Phalangen, in den Knieen, in den Rückenwirbeln, im Unterkiefergelenke kommen die Schmerzen ebenso häufig vor, als in den Gelenken der Hand, des Fusses, der Hüfte u. s. w. Bald sind die Gelenkkapseln, bald die in der Nähe inserirten Sehnen sehr schmerzhaft, und bald klagen die Patienten über Schmerzen in einzelnen Muskelgruppen, und bald ist die ganze Haut hyperästhetisch, und bald klagen sie über Schmerzen in der Nase, Brust u. s. w. In der Regel sind diese Schmerzen so intensiv, dass der Patient regungslos zu Bette liegt und auch bei der geringsten passiven Bewegung Schmerzensschreie ausstösst. Manchmal, aber nur manchmal, findet man objective Erscheinungen der Arthritis und Tendovaginitis[108]. Schon nach wenigen Stunden stellt sich das Fieber ein, und die Temperatur steigt schnell bis 41 und 42°. In diesem Stadium sind natürlich einige Symptome vorhanden, welche ebenso gut als eine Folge des Fiebers als die der Infection selbst aufgefasst werden können; hierzu gehört die Dyspnoe[109], der gejagte, harte und volle Puls, die Conjunctivitis[110] und manchmal Gehirnerscheinung, wie z. B. (bei Kindern) klonische und tonische Krämpfe. Nach 24 bis 36 Stunden sinkt die Temperatur auf das Normale, und häufig stellen sich gleichzeitig Pharyngitis[111], Angina[112], Tonsillitis[113], Asomnie[114] und manchmal unter heftigen Schmerzen ein juckender Hautausschlag ein, welcher bald stecknadel-, bald handflächengrosse geröthete Hautstellen zeigt. Sie kommen überall vor und sind geradezu polymorph, so dass sie mit jenen von Miliaria[115], Masern, Scharlach, Pocken und selbst von Urticaria[116] verwechselt wurden. Das Verschwinden des Hautausschlags wird von einer Desquamation[117] gefolgt, welche das Chorion blosszulegen scheint; die Patienten sind nämlich, z. B. in den Fusssohlen, nach der Abschuppung so empfindlich, dass sie einige Tage nicht stehen und nicht gehen können, und die Handflächen vertragen kaum eine Berührung mit den eigenen Fingern. Ueber den Befund des Urins liegen einige Untersuchungen vor, welche nichts Specifisches mittheilen; in meinem Falle hatte ich es mit echtem Fieberharn zu thun; wenn einige Aerzte auch etwas Eiweiss gefunden haben, so ist dieses gewiss ein bei anderen Infectionskrankheiten eben so häufig vorkommender Befund.
Nach ungefähr zehn Tagen ist der Patient geheilt, wenn sich keine Recidive oder besser gesagt, keine Exacerbation eingestellt hat, welche gewöhnlich, wenn auch manchmal in milderer Form, geradezu eine Wiederholung der Symptome des ersten Anfalles ist. Dann allerdings dauert die Reconvalescenz sehr lange; das Jucken, die schlaflosen Nächte, Stuhlverstopfung, rheumatische Schmerzen u. s. w. verbittern noch wochenlang dem Patienten das Leben.
Ueber die Folgekrankheiten einer solchen Infection habe ich aus eigener Beobachtung gar kein Material mitzutheilen; doch will ich auf die Arbeit von Scheube in seinem Werke: »Krankheiten der warmen Länder« hinweisen, in welchem diese, wie auch zahlreiche »Complicationen« mit dem Knöchelfieber angeführt werden.
Aerztliche Centralzeitung Wien Nr. 14, 1901.