II. Die Lâtah-Krankheit (Sâkit lâtah M.).

Obwohl diese Krankheit auf Java sehr häufig vorkommen soll, und ich auf dieser Insel beinahe zehn Jahre und auf den übrigen Inseln des indischen Archipels ebensolange gelebt habe, war ich trotzdem nur dreimal in der Lage, diese in Europa unbekannte Nervenkrankheit zu beobachten. Das Wort lâtah bedeutet »das von Anderen Gesagte wiederholen«[118] und charakterisirt das Wesen dieser Krankheit nur theilweise. Die Patientin — in Holländisch-Indien sind es niemals Männer, welche an dieser Krankheit leiden — übt nämlich Zwangsbewegungen bewusst aus, ohne sich der Macht der Suggestion entziehen zu können, und zwar von allen willkürlichen Muskeln und nicht allein von jenen des Sprachorganes, wie es das Wort lâtah andeutet. Es sind unglückliche Geschöpfe, weil sie die Zielscheibe aller schlechten Witze sind und maschinenmässig die Bewegungen eines jeden imitiren, welcher die Absicht zeigt, sie in ihrem Thun und Lassen zu suggeriren. Ein gewöhnliches und häufiges Experiment charakterisirt die Willenlosigkeit dieser Unglücklichen. Die Frau kommt mit einer Platte ins Zimmer, auf welcher ein Glas steht, und irgend einer der Anwesenden macht mit den Händen die Bewegung nach abwärts, und sofort darauf folgt sie diesem Beispiel; das Glas zerbricht, und entrüstet eilt sie von dannen; ein Zweiter macht die Bewegung als ob er den Rock aufheben würde; sie thut es thatsächlich und ebenfalls eilt sie entrüstet und beschämt davon; ein Dritter hustet, ein Vierter kräht und ein Anderer schüttelt unter Gestikulationen den Körper; alles ahmt sie nach, um sofort ihre Zwangsbewegungen zu erkennen und mit deutlichen Zeichen des Unwillens davonzueilen.

Die geographische Verbreitung dieser Psychose ist nach Scheube und nach van der Burg eine sehr grosse; das Mali-mali der malaiischen Bevölkerung auf den Philippinen, das Bah-tschi in Siam, das Miryachit in Sibirien und das Jumping in Nordamerika sollen der Lâtahkrankheit verwandte, wenn nicht identische Erkrankungen sein. Auch bei den Lappen und Japanern wurden ähnliche Neurosen beobachtet.

Wenn Dr. N. in der »Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie 1895« diese Krankheit eine provocirte imitatorische impulsive Myospasmie nennt, ist er auf einem Irrwege, und wenn er die »Schwächung des Willens mit der mangelhaften Charakterentwicklung der Malaien und ihrem labilen Nervenleben in Zusammenhang bringt, welche man als eine Folge der unterdrückten Stellung, in welcher dieselben stets gehalten worden sind, angesehen hat«, so widerspricht er sich selbst und lässt andererseits seiner lebhaften Phantasie, welche er auch an anderer Stelle[119] verrathen hat, die Zügel schiessen.

Das Wesen der Erkrankung wird Jeder zweifellos einer centralen Ursache zuschreiben, wenn er jemals eine solche Scene unbefangen beobachtet hat. Die Patientin imitirt heftig erregt die suggerirten Bewegungen, wenn sie gleichzeitig ausgeführt werden; sie muss diese sehen, hören oder fühlen (wie Rasch von den Fällen auf Siam mittheilt); es muss also ein peripherer Reiz vorhanden sein; gleichzeitig muss aber auch Suggestion vorhanden sein, d. h. willkürliche oder unwillkürliche, bewusste oder unbewusste Bewegungen und Aeusserungen der Umgebung werden nicht nachgeahmt, wenn die Patientin sich der Suggestion nicht bewusst ist. Darum sind diese Patientinnen weder gefährlich noch lästig in der Gesellschaft und füllen ihren Beruf vollkommen aus, so lange sie selbst nicht durch Andere belästigt werden; ich hatte fünf Jahre lang eine Köchin, welche gar keinen Schaden anrichtete, obwohl sie die Lâtahkrankheit hatte. Sobald die Suggestion eintritt, erschrickt die Patientin und stösst ein Schimpf- oder Fluchwort aus und wiederholt die Worte, die Töne und die Bewegungen, welche ihr suggerirt wurden. Der periphere Reiz vermittelt sofort dieselbe Muskelthätigkeit mit unwiderstehlichem Zwange; die Willenskraft ist in einem solchen Moment thatsächlich erloschen, aber eine Myospasmie können diese Reflexbewegungen unmöglich genannt werden. Bis jetzt haben wir es also nur mit Reflexbewegungen durch Suggestion zu thun, und zwar in analoger Weise wie die durch Nachahmung entstandenen epileptischen Anfälle. Das Typische des Krankheitsbildes ist also die unwillkürliche Action willkürlicher Muskeln in dem Banne eines fremden Willens. Die Lâtahkrankheit ist eine Krankheit, welche nicht so unvermittelt auftritt als Dr. N. annimmt, und ebensowenig steht sie im Zusammenhang mit der »unterdrückten Stellung« der malaiischen Rasse. Diese existirt eben nur in der Phantasie des Dr. N., wenigstens in so hohem Grade, dass sie als ätiologisches Moment im Entstehen irgend einer Nervenkrankheit benützt werden könnte. Eine russische Bäuerin erfreut sich viel geringerer Freiheit als eine javanische Bauersfrau; und wenn ein holländischer Säufer den im Schweisse ihres Antlitzes sauer verdienten Zehrpfennig seiner Frau abnimmt, so veranlassen alle diese Fälle gewiss kein endemisches Auftreten jener Krankheitsfälle, welche den Menschen zeitweise zum willenlosen Nachbeter jedes beliebigen Spassvogels machen. Es waren bei allen drei Fällen, welche ich zu beobachten Gelegenheit hatte, geistesschwache Individuen; alle drei hatten ein gewisses Lächeln constant um ihre Lippen, welches wir nicht nur bei Schwachsinnigen und Idioten finden, sondern auch häufig bei zahlreichen Frauen, welchen als summum der Lebensweisheit eingeprägt wurde, immer, überall und zu jeder Zeit ein liebenswürdiges Lächeln zu zeigen; ja noch mehr, diese Patienten haben einen eigenthümlichen Gesichtsausdruck, der zweifellos ein vermindertes Seelen- und Geistesleben vermuthen lässt, ohne dass wir sie, ich will es betonen, Idioten im vulgären Sinne des Wortes nennen können. Ich muss noch beifügen, dass bei Einigen verstärkte Sehnenreflexe, bei Anderen Paraphasie oder sogar choreatische Paraphasie und in einzelnen Fällen selbst Psychosen gefunden wurden. Sollte es nicht Hysterie sein??

III. Aphthae tropicae.

= Sariawan (M.) = indische Spruw (H.) = Hill diarrhoea (E) = Entero — colique endémique (F.).

Diese Krankheit ist eine reine Tropenkrankheit; denn sie entsteht nur in den Ländern des tropischen Erdgürtels und heilt nur im gemässigten Klima. Sie ist eine zymotische Krankheit, d. h. sie entsteht durch einen leider bis jetzt unbekannten Fermentstoff. Ich kann hier unmöglich alle Entstehungsursachen, wie Erkältung, Unterdrückung von Schweiss und von Hautkrankheiten u. s. w., welche von anderen Berichterstattern angeführt werden, ausführlich besprechen und widerlegen; ich kann diese meine Ansicht über das Entstehen dieser Krankheit hinreichend mit dem Orte und der Art der Krankheit motiviren. Es ist nämlich der ganze Verdauungstractus vom Munde angefangen bis zum Mastdarm erkrankt, und ihr tödtlicher Ablauf ist durch eine Erschöpfung des Organismus in Folge der gestörten Verdauung bedingt. Es ist der Bacteriologie diese dankbare Aufgabe noch vorbehalten, den Krankheitserreger der indischen Spruw zu finden.

Der Jahresbericht von 1895, welchen der Sanitätschef der holländischen Armee veröffentlicht, theilt mit, dass im Quinquennium 1891–1895 34 europäische und ein eingeborener Soldat mit Aphthae tropicae in den Militärspitälern aufgenommen und behandelt wurden. (In demselben Zeitraume wurden 42642 europäische, 147 afrikanische und 31823 eingeborene Soldaten mit Malaria in den Spitälern verpflegt.) Dr. van der Burg war in der Lage, 1420 Europäer und 196 Eingeborene aus diversen statistischen Rapporten zu erhalten, welche an dieser tropischen Krankheit in 34 Jahren gelitten haben. Es ist also zweifellos, dass die Eingeborenen zu dieser Krankheit eine bedeutend kleinere Disposition als die Europäer haben, und es liegt nahe, in der so verschiedenartigen Lebens- oder Ernährungsweise dieser beiden Rassen die Entstehungsursache dieser Krankheit zu suchen. Es ist sehr modern, den Alcohol so viel als möglich eine grosse Rolle in der Entstehungsgeschichte der verschiedensten Krankheiten spielen zu lassen. Aber obige Ziffern schliessen dies in unserm Falle ganz aus; im Jahre 1895 wurden von 17216 europäischen Soldaten neun, sage neun Mann wegen indischer Spruw in allen Militärspitälern aufgenommen; die Soldaten sind im Allgemeinen nicht durch eine antialcoholische Denkungsweise ausgezeichnet; aber auch die Thatsache, dass Frauen eine grössere Disposition als die Männer haben, befreit den Alcohol von dem Vorwurfe, diese Tropenkrankheit zu veranlassen. Auch das Quecksilber wurde in der Reihe der Schädlichkeiten genannt, welche diese Krankheit entstehen lassen sollen. Die Chinesen gebrauchen nämlich viel häufiger bei ihren petites misères de la vie das Quecksilber als die Europäer; es spielt das Quecksilber in dem Arzneischatz der chinesischen Doctoren und Apotheker eine bedeutende Rolle (ich besass vor Kurzem eine grosse chinesische Pille gegen »Erkältungen«, welche mit Zinnober bestreut war). Thatsächlich leiden auch unsere langgezopften Mitbürger auf Java ebenso häufig an »Seriavan« als die Europäer und viel häufiger als die Eingeborenen. Die Erfahrung bestätigt jedoch diese Vermuthung nicht. Wie oft behandeln europäische Aerzte Wochen, manchmal Monate lang, mit grösseren oder kleineren Pausen oft zwei bis drei Jahre lang Patienten mit Quecksilber, ohne dass diese die Spruw bekommen.

Ich will nicht weitere Theorien in der Aetiologie dieser Krankheit anführen; wir haben bis jetzt keine allgemein giltige Ursache für ihre Entstehung. Die Symptome dieser chronischen, oft Jahre lang dauernden, niemals epidemisch auftretenden nicht contagiösen Krankheit sind folgende: