Auch hatte ich einmal Gelegenheit, einen Schlangenbeschwörer zu sehen und zu sprechen. Es war in Tjilaljap, wo ein Javane mit zwei lebenden, 2–3 Meter grossen Schlangen zu mir kam, welche sich um seinen Hals und Arme schlangen; natürlich erzählte er mir, dass er eine Medicin (obat) eingenommen habe, welche ihn gegen die Folgen eines Schlangenbisses unempfindlich gemacht habe. Als ich jedoch ihn frug, ob er vielleicht die Giftzähne ausgebrochen hätte und darum den Biss seiner Schlangen nicht fürchte, lächelte er mit verschmitzten Augen und bot sie mir zum Kaufe an. Da ich eine unbenutzte Volière aus Draht in meinem Garten stehen hatte, entsprach ich seinem Wunsche und liess sie dahin bringen. Es war an einem Samstag, an welchem Tage die meisten Männer Abends in den Club gehen, um Whist, L’hombre, Quadrille oder Billard zu spielen. Meine Frau bat mich, diesen Abend das Haus nicht zu verlassen, weil sie der Stärke des Drahtnetzes nicht vertraute. Als ich jedoch bei meiner Absicht verblieb, schloss sie alle Thüren und Fenster des Hauses sofort nach meinem Weggehen und verstopfte überdies noch die Ritzen zwischen Thür und Boden mit Lappen. Um 1 Uhr Nachts kam ich nach Hause, ging sofort nach der Volière, zündete ein Streichhölzchen an, um meine neuen Gefangenen im Schlafe beobachten zu können; ja wohl, »der Vogel war geflogen«, wie ein holländisches Sprichwort sagt. Der Käfig war leer. Im Stillen pries ich natürlich die Vorsichtsmaassregeln, welche meine Frau genommen hatte, und ging zu Bett, ohne meiner Frau etwas von der Flucht der beiden Schlangen zu erzählen. Am andern Morgen rief ich das ganze Personal herbei, den Kutscher, die Bedienten, die Köchin, die Babu (Zofe) und den Gärtner, und theilte ihnen das Vorgefallene mit. An Stelle des Entsetzens und Furcht, was ich von ihnen beim Hören dieser Botschaft erwartete, bekam ich nur die kurze Antwort »baik« = gut, und sie gingen — die Schlangen suchen. Die grössere der beiden lag ruhig am Eingange des Gartens zu schlafen. Der Kutscher nahm einen grossen Bambus, legte an das eine Ende eine Schlinge und näherte sich vorsichtig der schlafenden Schlange (es war eine Python bivittatus, welche auch von den Chinesen gegessen wird). Ebenso schnell als geschickt zog er die Schlinge über den Kopf, zog das freie Ende des Strickes, welches er in der Hand gehalten hatte, an, und der Flüchtling war wieder gefangen. Mit Hurrah wurde sie in den Garten gebracht, und ich liess sofort das Todesurtheil über den Deserteur aussprechen. Es bleibt eine solche Nachbarschaft immerhin gefährlich, weil ihre Bewegungen geradezu geräuschlos sind. In Teweh bekam ich einen solchen Gast sogar einmal ins Schlafzimmer und ins Bett. Es war nämlich Ueberströmung und die Schlangen der Umgebung flüchteten sich aufs Trockene (hinter dem Garten begann nämlich ein kleines Hügelland). Ich hatte oft Gelegenheit, die Schwimmtüchtigkeit der Schlangen zu bewundern. Sollte diese die Sage von der Existenz der Seeschlangen veranlasst haben? Es war die erste Ueberschwemmung (1878), welche ich in Teweh mitmachte. Ich stand vor dem Fort, wo das Wasser schon 1 Centimeter hoch stand. Da sah ich ruhig und gelassen eine Schlange sich uns nähern. Ich stellte mich zur Seite, und kaum war sie auf dem trockenen Ufer angelangt, als ich mich niederbückte und mit einem kräftigen Schlage meines Stockes ihren Kopf zerschmetterte (??). Die Schlange war ungefähr 2 Meter lang; ich nahm sie auf meinen Stock und schleuderte sie weit in den Fluss; wie überrascht war ich jedoch, als ich sah, dass diese Schlange auf der Oberfläche des Wassers sich erholte, einfach umkehrte und wieder ans Ufer schwamm.

Bei dieser Ueberschwemmung sah ich zahlreiche Schlangen, welche aufs Ufer kamen, um Nahrung zu suchen. Eines Abends jedoch lag ich schon im Bett und las, als von dem Dachraum herab eine Schlange auf das Zelt meines Bettes sich fallen liess und mich mit fragenden Augen anblickte. Ich sprang aus dem Bett, holte ein grosses Hackemesser, und es gelang mir, mit einem Schlage den Kopf abzuschlagen.

Wenn ich auch die Furcht vor den Schlangen auf ihr richtiges Maass zurückführen will, weil keine einzige ungereizt den Menschen angreift, so muss ich doch vor diesen Reptilien warnen, weil man eben zufällig, und ohne es zu beabsichtigen, eine Schlange treten kann. Unser Fort stand auf Pfählen, und bei jeder Ueberströmung krochen kleine Schlangen, welche sich auf das Trockene flüchteten, auf den Pfählen des Hauses hinauf und kamen auf diese Weise auch in die Wohnung; dies waren die gefährlichen Ular (Schlange) welang und die Ular dedor; es sind dies kleine niedliche Schlangen von 20–40 cm; ihr Gift ist aber nach den Mittheilungen der Eingeborenen ausserordentlich lebensgefährlich.


Fig. 4. Mein erster Hausfreund.

Sehr bald hatte ich zwei junge Orang-Utangs und zwei Gibbons (Hylobates concolor) domesticirt in meinem Hause; der Orang ist ein Phlegmaticus, der Gibbon ist ein ausgelassener Junge, welcher den ganzen Tag nur auf tolle Streiche denkt und Mann und Frau, Alt und Jung, Thier und Mensch necken oder plagen will. Manchmal wurden seine tollen Streiche lästig, aber noch öfters musste selbst der grösste Hypochonder über ihn lachen. Ich hatte z. B. einen kleinen Honigbär (Ursus malayanus), welcher in einem eisernen Käfig lebte; er war ein gutmüthiges Thier, welcher seinen Reis sehr gerne mit den kleinen Hühnern theilte; wenn jedoch die alte Henne vor dem Käfig angstvoll gluckte, um ihre Jungen vor dem Gastherrn zu warnen, so fand sie kein Gehör bei den Küchlein; aber der kleine Bär hatte Mitleiden mit der besorgten Mutter; er wollte ihr helfen und zwischen den Stäben des Gitters die alte Henne hineinziehen. Die Henne schrie aus Leibeskraft, er liess sie jedoch nicht los und wollte sie mit seiner Pfote hineinzwängen, wodurch oft nicht nur Federn, sondern auch ein Stückchen Haut mitgerissen wurde. Hin und wieder gab ich ihm die Freiheit, und gerne trottelte er dann in die Küche. um bei den Dienstboten ein Stückchen Zucker zu holen. Weh ihm jedoch, wenn mein Gibbon ihn erblickte! Aufrecht kam dieser gelaufen ([Fig. 4]), die langen Arme hielt er in die Höhe, die Schenkel im Knie ein wenig gebogen und nach Aussen rotirt. So konnte ich meinen Gibbon langsam auf der Erde dem Bären nachlaufen sehen, der die Gefahren, welche ihm drohten, kannte und brummend weglief. Vergebliche Mühe; denn der Gibbon hat ihn sehr bald ereilt, springt ihm auf den Rücken, giebt ihm einen guten Biss und eilt schnell davon, wobei er dann auch seine Hände gebraucht. Der Bär ist wüthend und läuft dem Plaggeiste nach, brummend und heulend. Der Gibbon wartet geduldig ab, bis der Bär nahe ist, springt ihm wieder auf den Rücken, beisst ihn in die Ohren und springt auf den nächsten Baum oder auf einen Pfeiler der Küche. In seiner Wuth klettert ihm der Bär nach, ohne zu ahnen, welche Streiche der Gibbon ersinnt, um ihn noch mehr zu plagen. Ruhig bleibt er auf dem Aste sitzen, blickt auf den Bär, welcher brummend und langsam heraufklettert, mit vornehmer Ruhe herab, und wer, wie ich, seinen Blick kannte, konnte schon aus seinem Zucken der Augenlider wissen, dass der Gibbon verrätherische Pläne schmiedete. Endlich ist der Bär in seiner Nähe, der Affe schwingt sich mit seinen langen Armen, während die Fusse den Ast festhalten, unter dem Bären auf den Stamm des Baumes, lässt seine Füsse los und fasst jetzt die Hinterfüsse des Bären. Wie dieser auch brummt und heult, sein Plaggeist lässt die Füsse nicht los; er zieht so lange, bis das arme Schlachtopfer endlich dem Zuge nachgiebt und, gezogen von dem Affen, endlich den Boden erreicht. Noch einmal beisst ihn der Affe und verschwindet mit Windeseile im Fort.


Ein grosses Beobachtungsmaterial boten mir meine Hausgenossen aus der Thierwelt, und manches Mittheilenswerthe enthält darüber mein Tagebuch. Soweit es in den Rahmen einer Reisebeschreibung passt, werde ich sie in den folgenden Capiteln mittheilen, und jetzt vorläufig wieder dem Arzt oder vielmehr der Hygiene einige Seiten einräumen.