Im Allgemeinen tritt in Borneo die trockene Zeit (der Ost-Monsun) viel später ein als auf Java. Im ersten Jahre meines Aufenthaltes auf dieser Insel (im Jahre 1877) war sogar erst im August die erste regenfreie Woche eingetreten. Mit dem Eintritt der Monsune steht geradezu in einem Causalnexus der Gesundheitszustand von Menschen und Thieren. Welcher Theil des Jahres in den Tropen jedoch der gesunde oder der gesündere zu nennen sei, lässt sich im allgemeinen nicht behaupten; locale Ursachen spielen hierbei eine grosse Rolle. Was Teweh betrifft, so lag es nicht mehr in der Ebene des angespülten Landes. Aber das Bett des Baritu und des Nebenflusses Teweh, an deren Ufern unser Fort stand, war vorherrschend Lehmboden. Ein steter Wechsel des Wasserstandes charakterisirt diesen Strom auch noch in Teweh, wo die Ebbe und Fluth des Meeres nicht mehr merkbar ist; 10–15 Meter Unterschied im Niveaustande war eine häufige Erscheinung. Das Wasser bringt aus den Bergen eine Schlammmasse, welche reich an vegetabilischen und thierischen Stoffen ist, und lagert es (beim Sinken) auf den seicht absteigenden Ufern ab. Diese Schlammmassen sind die Brutstätte der todbringenden Miasmen. In der Regenzeit, wenn es täglich einige Stunden stark regnet, bleibt der Wasserstand hoch und bedeckt die sedimentirten Schlammmassen, und verhindert also gewissermaassen mechanisch das Entstehen der fieberbringenden Plasmodien. Aber auch in der trockenen Zeit können alle Bedingungen zur Existenz der Malaria, Beri-Beri u. s. w. fehlen. Wenn Tage oder Wochen lang, oder selbst Monate lang kein einziger Tropfen Regen fällt, wenn durch den niederen Wasserstand die Ufer Wochen oder Monate lang den versengenden, aber auch bactriciden Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, und wenn selbst grosse Sprünge und Risse in den ausgetrockneten Lehmboden des Flussbettes kommen, auch dann fehlt den Miasmen jede Basis der Entwicklung.[7] In der Uebergangszeit zu beiden Monsunen (Kentering) sind jedoch im Gegentheil alle Factoren zu einer üppigen Entwicklung der Miasmen gegeben: Feuchtigkeit, Wärme und organische Stoffe. Ueberraschend gross war auch der Unterschied des Krankenstandes im Fort zu den verschiedenen Jahreszeiten. Während des Höhepunktes des Ostmonsuns, und noch mehr während des Westmonsuns, hatte ich oft Tage lang keinen einzigen Patienten. Sobald jedoch während des Ostmonsuns in der Woche ein- oder zweimal es regnete, oder sobald in der Regenzeit in der Woche einige Tage frei vom Regen blieben, meldeten sich alle Soldaten, welche früher schon an Intermittens gelitten hatten. Aber nicht allein die Malaria forderte in der Kentering ihre Opfer; auch die Beri-Berifälle bekamen ihre Recidiven zu dieser Zeit. Ich sehe noch den ersten Beri-Berifall vor mir, welcher sich in Teweh bei mir meldete; es war ein Soldat, welcher den ganzen Tag seinen Dienst verrichtet hatte und gegen den Abend unwohl wurde und mich nur um ein Linimentum ersuchte, weil er so schwere Füsse hätte. In der Absicht, den folgenden Morgen ihn eventuell zu untersuchen, liess ich ihm durch den Krankenwärter Spiritus camphoratus geben, ohne weiter mich mit ihm zu beschäftigen. Wie erschrak ich aber, als ich zu demselben Patienten in derselben Nacht gerufen wurde und ihn mit den stärksten und ausgesprochenen Erscheinungen der Herzparalyse sterbend sah. Es ist vor einigen Jahren in Atjeh geschehen, dass ein Beri-Beri-Patient als geheilt das Spital verliess und auf dem Wege nach der Caserne todt niederfiel. Ein solcher plötzlicher Tod scheint bei dieser Krankheit selbst häufig vorzukommen. Im Jahre 1880 hatte ich im grossen Militärhospital in Batavia »die Wacht«; in der Nacht wurde ich zu einem Beri-Beri-Patienten gerufen, welcher mit einer schweren Hydrops pericardii darniederlag; ich entschloss mich, ihm eine subcutane Injection von Pilocarpin zu geben, und schrieb das Recept auf die »Krankenliste«, welche für jeden Patienten angelegt wird und neben der Behandlung auch die Krankheitsgeschichte enthalten soll. Mit der »Liste« wurde das Pilocarpin aus der Apotheke geholt, und die übrigen Patienten des »Saales« umstanden das Bett, als ich ihm die Injection machte. Einer dieser Zuschauer hielt mir auch den Leuchter mit der Kerze (das Spital hatte zwar schon damals Gasbeleuchtung; aber dieser »Saal« war als temporärer Pavillon noch mit Oel beleuchtet). Hierauf ging ich wieder schlafen, und zwei Stunden später kam mir ein Krankenwärter melden: »Der Patient ist gestorben.« Ich nahm ihm die »Liste« ab, um die Stunde seines Todes aufzuschreiben, bevor ich mich angekleidet hatte, um bei diesem Opfer der Beri-Beri den Tod zu constatiren. Ich glaubte jedoch eine unrichtige »Krankenliste« zu haben, weil ich die Notirung vor der Injection darauf nicht sah; auf meine diesbezügliche Frage erwiderte mir der Krankenwärter, nicht Sidin, dem ich Pilocarpin eingespritzt hätte, sondern Amat, der mir bei dieser Gelegenheit die Kerze gehalten hatte, sei plötzlich gestorben!! Diese miasmatische Krankheit, welche mit der Malaria die indische Armee decimirt (die Beri-Beri sucht die meisten Opfer unter den Eingeborenen), wird im zweiten und dritten Theil noch ausführlicher besprochen werden müssen. Solche plötzliche Todesfälle aber geben dem jungen Militärarzte einen Wink, mit der Diagnose »Simulation« vorsichtig zu sein. Besonders die moderne Schule, welche nur Krankheiten und nicht den Kranken behandelt, hat an solchen irrigen Beschuldigungen eines unglücklichen Patienten oft genug Schuld; der junge Arzt baut in erster Reihe seine Diagnose auf den Befund durch Stetoskop, Harn u. s. w. Der Visus practicus fehlt ihm in Indien wie überall; Missgriffe sind also unvermeidlich; dies muss ihn also zur Vorsicht mahnen, die Diagnose »Simulation« nicht leichtfertig zu stellen. Ich weiss sehr gut, dass beim Militär damit grosse Schwierigkeiten verbunden sind; aber es ist nicht so arg, als man annimmt; herrscht ein guter Geist und Disciplin unter den Soldaten, sind, wie wir sehen werden, auch in Friedenszeiten die Fälle der Simulation nicht häufig, besonders wenn der Arzt sich nicht foppen lässt, und zur Zeit des »Ausrückens« noch weniger. Am 4. April 1887 sollte der Marsch nach Kotta-radja Bedil in Atjeh stattfinden, und an diesem Tage hatte sich kein einziger Soldat krank gemeldet!! Dass in ruhigen Zeiten die petites misères de la vie sich fühlbar machen, besonders wenn z. B. von einem Korporal oder Sergeant »Theorie« über die Handgriffe des Gewehres oder über die Bestandtheile der Kanone gehalten wird, dass dann die Soldaten Hülfe für ihre kleinen Qualen bei dem Doctor suchen, um eventuell »Frei vom Dienste« zu bekommen, spricht nicht gegen den »guten Geist unter den Soldaten«, sondern ist — begreiflich. Natürlich giebt es auch einige echte Simulanten in der indischen Armee. Einen solchen Fall hatte ich in Teweh zur Behandlung bekommen, und weil er ein Unicum in seiner Art ist, an den van Hasselt in seinem Buche über Simulation nicht einmal gedacht hat, will ich ihn etwas ausführlicher mittheilen. Ein Franzose, Namens Daudu, kam nach Teweh und meldete sich schon den andern Tag krank, »weil er so viel durch seinen Bauch leide«. Er stand vor mir als der Typus eines kräftigen, gesunden und schönen Mannes, hatte aber einen Bauch wie eine — schwangere Frau. Ich untersuchte alle Organe der Brust, sie waren gesund; der Puls regelmässig, die Schleimhäute waren normal gefärbt, der Stuhlgang, das Uriniren und der Appetit waren, wie er selbst mittheilte, normal; aber der Bauch war wie eine Trommel gespannt; es war unmöglich, durch Percussion Leber, Milz oder Nieren zu untersuchen; natürlich ergab auch die Palpitation ein negatives Resultat. — Ich kann und will nicht alle Details der Untersuchung und nur das Eine mittheilen: Nichts Objectives war zu finden, und keine andere subjective Klage äusserte der Patient (?) als: »j’ai tant de mal au ventre« oder »je souffre horriblement«.
Schmerzen für die Dauer zu simuliren, ist beinahe unmöglich, denn der Schmerz schreibt eine deutliche Schrift in den Zügen der Patienten; das erfahrene Auge unterscheidet den erheuchelten und den wirklichen Schmerz. Nun, der Schauspieler simulirt auch Schmerz, aber Tage oder Wochen lang die Rolle einer Mater dolorosa ununterbrochen zu spielen, wird wohl der grössten Künstlerin unmöglich sein. Dieses mochte wohl unser Freund Daudu gewusst haben und gab sich auch nicht einmal Mühe, durch ein leidendes Aussehen auf mein Mitleid Einfluss zu nehmen. Er hoffte alles von seinem grossen Bauch. Ich wusste mir also nicht anders zu helfen, als dass ich ihn zur Beobachtung ins Marodenzimmer aufnahm. Durch die Krankenwärter ihn observiren zu lassen, dazu hatte ich keine Lust; oder besser gesagt, zu wenig Vertrauen in die Ehrlichkeit und den Muth dieser Soldaten. Der europäische »Bediende« würde als Verräther wenn nicht durchgeprügelt, so doch boycottirt worden sein; und die eingeborenen »Handlanger« hätten gewiss ein gleiches Schicksal erfahren. Ich selbst kam natürlich so oft als möglich in den Krankensaal, und immer stand Daudu wie eine Säule in strammer Haltung vor seinem Bett und mit einem Bauche, als ob eine Pauke angebunden gewesen wäre. Kam ich in der Nacht und lag er, was sehr selten geschah, auf dem Rücken, so war das vorsichtigste Zurückziehen der »Sprey«, in welche er eingewickelt war, hinreichend, um ihn aufzuwecken, und der Bauch hatte sofort seine alte Haltung.[8] Ich gab ihm bei der Morgenvisite eine Morphiuminjection von 10 mg; er schlief jedoch nicht ein, weil er durch forcirtes Auf- und Abgehen und durch Kaffeetrinken die Wirkung des Morphium zu neutralisiren suchte. Zur Chloroformnarcose meine Zuflucht zu nehmen, konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich keine Assistenz hatte. Sein Zustand blieb unverändert, d. h. er ass gut, trank, bewegte sich und lebte wie jeder andere gesunde Soldat, und jede Untersuchung ergab negatives Resultat. Unter diesen Verhältnissen musste das Vermuthen von Simulation in mir auftauchen, und zwar musste ich daran denken, ob er nicht ein »Luftschnapper« sei, der, wie gewisse hysterische Patienten, Luft in grosser Menge verschlucken können, oder aber, ob er nicht wie die Bauchredner gelernt hätte, in der Inspiration zu sprechen. Mit palliativen Mitteln mich aus dieser schwierigen Lage herauszuhelfen, wäre auch möglich gewesen; ihn z. B. frei zu stellen von allen schweren Arbeiten, als Corvédienste, Schildwache stehen u. s. w.; dies wollte ich nicht thun, weil ich damit direct oder indirect ihn für krank erklärt hätte, also ... ich wartete. Diesmal, wie späterhin sehr oft, brachte das Warten die erwünschte Aufklärung. Daudu wurde nicht müde mit seiner künstlichen Auftreibung des Bauches, aber er ging in die Falle, die ich ihm legte. Ich musste nämlich die Apotheke in Ordnung bringen; zu diesem Zwecke liess ich von Daudu neue Signaturen schreiben u. s. w. In der Apotheke stand auch, stets gefüllt, die »Feldverband-Kiste« und die »Feldmedicinen-Kiste«, welche je 30–50 Kilo wogen und beim Ausrücken von zwei Kulis mit grossen Bambusstangen auf den Schultern getragen werden sollten. Mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Geschicklichkeit hantirte er mit diesen Kisten, als ob sie nicht einmal 5 Kilo wogen. Ich beneidete ihn oft um seine Körperkraft, die ihn dazu in Stand setzte; aber das Vermuthen, dass sein Zustand kein pathologischer sei, bekam dadurch beinahe Gewissheit. Ich sorgte dafür, dass der militärische Commandant auch Gelegenheit bekam, diese seine Körperkraft beobachten zu können, und zwar nicht nur momentan, sondern ich liess ihn oft stundenlang die schwersten Arbeiten in der Apotheke verrichten, z. B. die grossen Töpfe, Büchsen und Kisten einen ganzen Vormittag von einem Kasten in den andern überbringen u. s. w., so dass ich die Ueberzeugung bekam, dass Daudu nicht krank und dass sein Zustand ein artificieller sei. Nach zwei Monate langer Beobachtung hatte ich mir also die Ueberzeugung geschafft, dass sein Zustand ihm nicht hinderlich im Verrichten seines Dienstes sein könne (per analogiam). Der Zufall wollte es auch, dass um diese Zeit ein Transport mit militärischen Utensilien nach Bandjermasing gehen sollte. Daudu ersuchte mich, den Transport mitmachen (dies geschah zu Wasser in einem Boote) und zugleich von Bandjermasing nach der Superarbitrirungscommission zu Surabaja gesendet werden zu können. Mit der grössten Ruhe sagte ich ihm, dass dazu keine Ursache wäre, dass er nicht krank sei, dass er ganz gut seinen Dienst thun könne, und dass er also den folgenden Morgen das Marodenzimmer verlassen müsse. In der ersten Ueberraschung sprach er nur »C’est impossible, mon Doctor major«, und ich entliess ihn nur mit den Worten: »je l’ai vu que vous pouvez faire votre service.« Die Sache nahm natürlich den erwarteten Verlauf. Den andern Tag meldete er sich wieder krank, der Militär-Commandant frug mich brieflich (gemäss einer gegenseitigen Absprache), nicht ob er krank sei, sondern ob er seinen Dienst verrichten könne, was ich mit gutem Gewissen bejahen konnte; Daudu wurde bestraft, er reclamirte bei dem militärischen Commandanten in Bandjermasing, der mich ebenfalls um mein Gutachten officiell ersuchte; ich blieb bei meiner Behauptung, dass der Reclamant seinen Dienst verrichten könne; er wandte sich an das Kriegsgericht, und auch dieses verurtheilte ihn wegen Unwilligkeit und wegen Mangel an Achtung gegen seine Vorgesetzten, und endlich ... machte er alle seine Dienste. Zu gleicher Zeit wollte er sich in einem hochelegant französisch geschriebenen Brief, den ich noch heute besitze, an den Unterkönig wenden, in welchem er sich als das Opfer der mangelhaft entwickelten Wissenschaft der Medicin hinstellt, da nicht einmal so ein ausgezeichneter Arzt als Dr. Breitenstein seinen Zustand beurtheilen könne; er hat ihn aber auf mein Anrathen inhibirt. Einige Monate später musste ich einen Brief begutachten, welcher auf dem Wege der Gesandtschaft von seinem Bruder, einem Advocaten in Paris, an den Unterkönig geschickt wurde. In diesem frug dieser Advocat nur, wie es mit dem Magenleiden seines Bruders gehe. Ich begnügte mich, mitzutheilen, dass mir von einem Magenleiden des Daudu gar nichts bekannt war, da er während seines zweimonatlichen Aufenthaltes im Marodenhause zu Muarah Teweh sich eines solch guten Appetits erfreut hat, dass er nicht einmal an der gewöhnlichen Ration der Soldaten-Menage genug hatte, sondern sich oft noch Reis u. s. w. dazu kaufte. In einer ebenso feigen als läppischen Weise hat aber Daudu sich dafür an mir gerächt. Als ich im October 1880 Borneo verlassen musste, war ich gezwungen, einige Tage in Bandjermasing auf die Ankunft des Schiffes zu warten. Täglich ging ich nach dem Spital, welches im Fort lag, und passirte bei dieser Gelegenheit die Caserne der Artilleristen. Eines Tages stand Daudu in der Veranda, und gerade als ich vorbeiging, bog er so seinen Oberleib, dass ich nur das Ende des Rückens zu sehen bekam! Wohlweislich sprach ich ihn dafür nicht an, denn er hätte gewiss mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt versichert, mich nicht kommen gesehen zu haben.
Solche seltene Fälle von Simulation sind in gewisser Hinsicht natürlich nicht gefährlich; d. h. wenn man aus Unsicherheit der Diagnose oder aus zu grosser Gewissenhaftigkeit hineinfällt, so wird nicht leicht ein zweiter Soldat es wagen, ein solches Leiden zu simuliren; aber bei anderen simulirten Krankheiten geschieht dies häufig; denn dem Soldaten macht es immer Freude, seinem Vorgesetzten ein Schnippchen schlagen zu können. Im Jahre 18.. kam z. B. ein Soldat mit Schmerzen in dem rechten Oberarm ins Spital zu M.... Per exclusionem zweifelte ich keinen Augenblick, dass dieser Patient einige Tage im Spitale ausruhen wollte, und theilte dies dem jüngeren Arzt mit, dem ich meinen Dienst übergab, weil ich auf Urlaub ging. Dieser wusste es natürlich (?) besser als ich, diagnosticirte: Neuritis brachialis, und als ich zurückkam, waren drei solche Fälle, und zwar von demselben Bataillon und von derselben Compagnie im Spital. Sogar ein vierter meldete sich mit dieser Krankheit; ich untersuchte ihn nach den Regeln der Kunst und schrieb ihn schon den folgenden Tag aus dem Spitalstande. Es kam kein neuer Fall von Neuritis brachialis mehr zur Behandlung, und auch die übrigen drei verliessen in einigen Tagen geheilt(?) das Spital.
Den 6. October (1877) war das mohammedanische Neujahrsfest (1294). Die Mohammedaner feiern diesen Tag mit allem Luxus, der ihnen zu Gebote steht; Jeder geht in seinem neuen Kleide in die Moschee, spazieren und Visite machen; auch zu uns kamen sie ins Fort und zwar unter einem fürchterlichen Raketenfeuer. — Ueberall wird Feuerwerk (mortjon) an diesem Tage angezündet, und je stärker das Donnern und Poltern desselben ist, desto grösser ist das Vergnügen dieser Menschen. Wenn man am mohammedanischen oder chinesischen Neujahr durch die Strassen einer grossen Stadt Javas fährt, hält man sich krampfhaft das Herz, weil man fürchtet, dass die Pferde durch das tolle Schiessen, oder getroffen von den Funken des Feuerwerkes scheu werden; sie gewöhnen sich jedoch so daran wie die Menschen. Dass natürlich die europäische und halbeuropäische Jugend an diesem lauten Vergnügen activ Theil nimmt, ist selbstverständlich. Wie viel tausend Gulden an einem solchen Tage für dieses Freudenschiessen verschleudert werden, weiss Gott. Sehr selten hört man jedoch von einem Unglück bei dieser Gelegenheit. Ich selbst hatte nur im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien eine kleine unangenehme Ueberraschung durch die Mortjon zu erleiden. Ich fuhr nämlich in meiner Equipage von Samarang nach Tjandi und suchte so viel als möglich dem Feuerwerke aus dem Wege zu gehen; kaum war ich jedoch auf der grossen Strasse, als ein Knabe sein Bündel mit brennenden Mortjons in die Luft warf; ohne darauf zu achten, fuhr ich weiter. Wenige Minuten darauf jedoch stieg auf meiner Seite eine kleine Rauchwolke und eine Flamme in die Höhe. Das Mortjon hatte die offene Rücklehne getroffen und in Brand gesetzt.
Fig. 5. Erste Begegnung mit der Tochter des Fürsten Mangkosari.
Zu den Besuchen, welche wir damals erhielten, gehörte auch die Tochter Mangkosari’s, welche natürlich nicht zu uns selbst, sondern zu unseren Haushälterinnen kam. Ein langer Zug von 20–25 Frauen zwischen 15–25 Jahren näherte sich dem Fort. An der Spitze des Zuges ging jene stolz wie eine Juno und schön wie eine Venus. Mit ihren feuersprühenden Augen und elfenbeinernen Zähnen verrieth sie in ihrem gemessenen Schritt und der ihrer hohen Abkunft bewussten Haltung ihre fürstliche Abstammung. Bei ihrem Eintritt legte sie ihre kleine, weiche Hand in die meinige mit den Worten slamat taon Baru = glückliches Neujahr, ging stolzen und erhobenen Hauptes bei mir vorbei in das hintere Zimmer, wo meine Haushälterin auf dem Boden sass, und liess sich ebenfalls nieder, während das Gefolge in gemessener Entfernung ein Gleiches that. Natürlich war der Boden mit (Singaporschen) Matten bedeckt, und meine Haushälterin, welche von der Ankunft dieser Fürstentochter verständigt war, hatte für Gebäck, Zuckerwerk und Thee gesorgt. Ihr zurückhaltendes Benehmen gegen mich hatte seine gute Ursache. Täglich machte ich nämlich vor Sonnenuntergang einen Spaziergang zwischen dem Fort und der Wohnung ihres Vaters, welche am rechten Ufer des Tewehflusses lag; ich ahnte nicht, dass jedesmal ein Paar schwarze, feurige Augen mich auf meinem Spaziergang beobachteten. Eines Tages jedoch kam ich an das Ende der Strasse, und sieh’ da! zwei schöne Frauen sassen auf einem gefällten Baume, welcher vor dem Hause Mangkosari’s lag. Die eine der beiden kannte ich bereits; es war die (halbchinesische) Frau des chinesischen Lieferanten des Forts; die zweite wurde mir als die Tochter Mangkosari’s vorgestellt. Selten habe ich ein so schönes Mädchen gesehen, und niemals mit einer schöneren Frau, als diese war, gesprochen. Im Laufe des Gespräches (in malayischer Sprache) bot sie mir ([Fig. 5]) Früchte aus dem Körbchen an, welches sie in der Hand hielt; einen Augenblick zögerte ich, diese Liebesgabe anzunehmen — die Frauen standen auf und mit einem kurzen und gemessenen Tabeh (Gegrüsset) verliessen sie mich. Nur zweimal noch bekam ich hierauf während meines dreijährigen Aufenthaltes in Teweh die Tochter Mangkosari’s zu sehen, und zwar beim erwähnten Neujahrsfest und 1½ Jahr später, als die Frau des Mangkosari schwer erkrankte und mich um Hülfe ersuchen liess.
Den 3. Mai 1878 hatte ein Dajakscher Jüngling in unserer nächsten Nähe sich seinen Brautschatz geholt. Ungefähr 500 Schritte hinter dem Fort waren einige Malayen mit dem Fischfang beschäftigt, plötzlich sprangen einige Dajaker aus dem Gebüsche; vier von ihnen gelang es, je einen Malayen beim Kopfhaar zu fassen und ihm mit dem Mandau mit einem Schlag den Kopf abzuschlagen. Ebenso schnell als sie gekommen waren, wussten sie auch zu entfliehen, bevor die übrigen Fischer sich von ihrem Schrecken erholt hatten. Nur die kopflosen Leichen ihrer Kameraden und die Blutspuren, welche in den Urwald führten, waren die traurigen Ueberreste dieser Kopfjagd. Die Kopfjäger schnitten mit den kleinen Messern, welche sich auf der Scheide der Mandaus befanden, das Fleisch von den Köpfen ab, die langen Haare derselben banden sie an die Griffe ihrer Schwerter, und frohlockend zogen sie weiter, in der Ueberzeugung, mit ihren Schätzen jedes spröde Frauenherz erobern zu können. Die Werthscala eines Kopfes ist folgende: Sclave, Kind, Frau, Dajaker, Malaye, Chinese und Europäer. Die Leiche des einen Opfers wurde mir als corpus delicti des Verbrechens zur Obduction gebracht. Ich habe seitdem keine Gelegenheit mehr gehabt, eine solche Leiche zu obduciren; ich weiss also nicht, ob es Zufall war, oder ob es immer geschieht: am Rumpfe befand sich nur ein Schnitt, der den Zwischenraum zweier Halswirbel durchzogen hat. Was ich darüber bei Perelaer und Schwaner gelesen habe, und was mir darüber von den Eingeborenen erzählt wurde, stimmt damit überein, d. h. der Kopfjäger liegt im Hinterhalt, springt im gegebenen Augenblick auf sein Opfer, fasst es bei den Haaren, und mit einem Schwunge seines Mandaus trennt er den Kopf vom Halse. Diese Trophäen sind den Dajakern das Zeichen des persönlichen Muthes, und darum wurden sie damals von den Bräuten von ihren Freiern gefordert. Mittheilenswerth ist die Erzählung, welche Perelaer in Nr. 11 vom Militär-Spectator 1864 bringt. Im Jahre 1860 reiste Harimaung nach Kwala Kapuas und schloss mit den Beamten dieser Gegend ein Bündniss und beschwor, die Kopfjagd aufzugeben und auch in seinem Reiche die Kopfjagd zu verbieten. Viele Jahre hielt er sein Wort, bis ihn die Liebe wortbrüchig machte, obwohl sein Vater und seine Freunde ihn als Feigling behandelten und beschimpften. Er ging auf Freiersfüssen, ohne jedoch seine Braut heimführen zu können, weil er noch keinen Kopf erbeutet hatte, ja noch mehr, sie bot ihm den saloi (den kurzen, bis zum Knie reichenden Sarong) mit den Worten an: »Du bist kein Mann, Du musst Frauenkleider tragen.« Auch diesen Schimpf ertrug er, um dem Wort treu zu bleiben, das er dem Commandanten von Kwala Kapuas gegeben hatte. Als aber seine Geliebte einem berühmten Kopfjäger aus Miri (Kahajan) Gehör gab und selbst als Bräutigam annahm, da schwanden seine guten Vorsätze. Eines Tages verschwand er plötzlich und kehrte nach einigen Tagen zurück, mit seinem Korb auf dem Rücken, welcher vier Köpfe enthielt. Der süsseste Liebeslohn strahlte aus den Augen seiner Geliebten, als er den Korb vor ihren Füssen hinstellte und die Schädel herausrollen liess. Er aber blieb ruhig stehen und streckte seine Hand nach dem auf dem Boden liegenden Liebeslohn. Es waren die Köpfe ihres Vaters, ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihres — Bräutigams. »Du hast Köpfe gewünscht,« fügte er hinzu, »hier sind sie; ich habe meinen Eid gebrochen; ich darf nicht mehr unter die Augen des Commandanten von Kwala Kapuas kommen; sei verflucht!« Er floh in die Urwälder, welche er seitdem nicht mehr verlassen hat.